 kindlichen Frühreife, erschreckt, beunruhigt, wildgehetzt von fremden
Leidenschaften, schon außer sich lebt, statt sinnig in sich zurückgezogen!
    Oleander las in einer Schrift der neuen philosophischen Schule, der
kritischen oder chemischen, wie er sie nannte. Chemisch deshalb, sagte er zu
Siegbert, weil diese Philosophen des absoluten Nichts die Liebigs der
unsichtbaren Welt sind. Wie die chemische Retorte Urstoff auf Urstoff entdeckt
und diesen immer wieder auf's Neue zerlegt, so hat der philosophische,
gemütlose Verstand der neuesten Schule Alles durch die Kritik bis zum
vollkommensten Nichts aufgelöst und ich staune hier eben über den Dünkel, mit
welchem in diesem Buche alle Beweise für die Unsterblichkeit der Seele widerlegt
werden und der Verfasser nun auch glaubt, die Unsterblichkeit der Seele selbst
widerlegt zu haben.
    Siegbert schwieg. Er kannte diese Schriften. Leidenfrost liebte sie und
empfahl sie mit Eifer und doch widerstanden sie auch ihm, obgleich er Oleandern
in seiner Entrüstung nicht Recht geben mochte.
    Warum müssen wir nur, fuhr Oleander, während Siegbert den Kindern, die
schwiegen, vorzeichnete, aber ernst zuhörte, warum müssen wir nur an so viel
Renommisterei im Geistigen leiden, an so viel gemütloser, affektirter
Prahlerei! Wie diese Philosophie sich berufen dünkt! Wie sie aufräumt! Wie sie
durch den Erfolg ihrer kritischen Operationen immer übermütiger wird und sich
doch dieser Freude über das absolute Nichts schämen sollte! Diese Menschen
lachen über den Unsterblichkeitsglauben, sie bemitleiden den vulgären Wahn
unsrer romantischen Physiologie! Wenn sie noch die Achseln zuckten und sagten:
Die Materie bedingt den Geist und mit dem Zusammenfallen der Materie hört dies
Denken und Bewusstsein leider auf! Nein, sie fühlen sich so froh, so stolz, so
gehoben durch die Tatsache des künftigen Nichts, dass ich vor einer Zukunft
schaudere, wo diese Lehre in den jungen Gemütern aller Orten Raum gefunden hat!
Denn die Jugend läuft Dem nach, der den Säbel auf der Straße klappern lässt und
die Mütze recht verachtungsvoll über einem Ohre trägt.
    Siegbert äußerte ein Wort, das er auf eine ähnliche Erwiderung von ihm
selbst einst von Leidenfrost gehört hatte.
    Nun wohl! sagte er. Ist denn aber dieser Stolz so verächtlich? Man hat die
Unsterblichkeit der Seele deshalb gelehrt, weil sie zur Tugend nötig wäre. Ist
es denn aber kein Fortschritt, wenn die Tugend um ihrer selbstwillen geübt und
an künftige Belohnung nicht mehr gedacht wird?
    O, rief Oleander, wenn sie nur tugendhaft wären! Wenn sie nur wirklich die
Bescheidenheit verklärte! Wenn sie nur aus der Erkenntnis ihrer eignen leersten
Zwecklosigkeit und der mit dem letzten Atemzuge eintretenden Vernichtung die
Aufforderung zur Demut schöpften! Nein, ich kenne von Tübingen, von Halle,
Berlin, Wien her eine Menge dieser neuen Philosophen der Kritik und des
Chemismus!
