 einer
gewaltsamen übereilten Störung unsrer überlieferten Ordnung nur Gefahr liefen,
unser Bestes, unsre geistigen alten Errungenschaften zu verlieren.
    Nun, flammte Siegbert auf, dann frag' ich nur, Oleander, ob Sie diese
Gesinnung, die ich an Ihnen ehren- und anerkennen will, in dem conservativen
Glaubensbekenntnisse dieser Gräfin Bensheim und ihrer Nichten, in dem Zorne des
Herrn von Sengebusch, in dem Ingrimm der Lieutenants wiederfinden, die hier die
fliegenden Kolonnen befehligen? Leihen Sie da nicht vielmehr Ihre schöne
Idealität einem ganz stumpfsinnigen, rohen, egoistischen Dünkel und dem
materiellsten Hochmute? Ist Das Politik, was Herr von Sänger spricht? Ist Das
nicht die reinste Gedankenlosigkeit?
    Oleander räumte dies ein, nannte aber den Royalismus eine politische
Religion. Wie in der Religion der Eine sich mehr an das Symbol, der Andre mehr
an die innere geoffenbarte Wahrheit halte, so wär' es auch in der Politik. Der
Glaube, hier und da, wäre die Grenze des uns Möglichen und geistig Erreichbaren
...
    O mein Freund, sagte er ruhig, prüfen Sie doch! Was ist das Unglück aller
unsrer Staaten? Kein andres, als dass sie keine politische Religion mehr haben.
Verstehen Sie mich recht! Ich meine hier nichts, was etwa mit Staatsreligion
oder Religion überhaupt zusammenhängt. Ich preise nur die Zeiten glücklich, wo
die mangelhaften Verfassungen und die unvermeidlichen Ausbrüche verwirrender
Leidenschaften gemildert, erträglich gemacht wurden durch jene politische
Religiosität, die in unbedingtem Royalismus bestand. Soweit ich den Fürsten Egon
zu verstehen glaube, so will er für den bei Seite geworfenen alten Royalismus
eine neue politische Religion, d.h. eine moralische Bindekraft des Staates, ein
heiliges Joch der Selbstbeherrschung künstlich schaffen.
    Aber wie alle Vernunft, wenn sie noch so geistreich und weise ist, die
Symbolreligionen nicht ersetzen kann, so gibt es auch für die geoffenbarte
politische Religion des Royalismus, die ihre weiseren und ihre einfältigeren
Bekenner hat, keinen künstlichen Ersatz; denn die Pflichtenlehre, die der Fürst
aufstellt, ist eine Chimäre, an der er scheitern wird. Die Pflichtenlehre, ohne
Symbolik, kann wohl eine philosophische Sekte zusammenbringen, Auserwählte,
Gleichgesinnte, aber nicht die dem Zufall preisgegebenen großen Massen, die der
Natur, der pflichtwiderstrebenden Natur, folgen. Statt des Royalismus kann
höchstens die Nationalität eine bindende politische Volksreligion werden, wie in
Amerika, vielleicht sogar, wenn es besser regiert würde, in Frankreich.
    Und Deutschland? unterbrach Siegbert.
    Nun wohl! sagte Oleander. Geben Sie uns nur ein Deutschland! Entfernen Sie
mit einem Schlage alle Fürsten! Schaffen Sie aus Deutschland eine Republik.
Vielleicht, dass dann Tuiskon der Heilige des Volkes würde und vom Tempel des
Wodan unsre Offenbarungen kämen ... ich habe im Politischen nichts dagegen
