 sich diese beiden
verheirateten Frauen mir teilnehmend zuwenden und dabei wenig Vorsicht zeigen,
ist Das meine Schuld?
    Ich glaube kaum, dass Selma so urteilt, so nur beobachtet. Sie beobachtet
gar nicht und urteilt noch weniger.
    Sie sprechen ihr da die Bildung ab, die Sie doch selbst an ihr vollenden
wollen?
    Die Bildung? Ist Beobachtung und Urteil allein Bildung? Bildung ist nur
gesteigerte Empfänglichkeit. Selma verbindet Bildung mit Dem, was die Bildung
nur zu oft verdrängt, mit dem Instinkt der Natur. Es ist ein Wesen, das ich
naturwüchsig nennen möchte. Sie verstellt sich nie, wenigstens nicht mit
Bewusstsein. Was sie ist, ist sie. Sie erschrickt, wo sich Andre bekämpfen. Sie
liebt und hasst nicht einmal. Sie fühlt sich nur angezogen oder fühlt sich nur
abgestoßen.
    Wenn ich auf eine so reine Natur abstoßend wirke, muss ich mich bekümmern.
    O, Das ist nicht gesagt, Wildungen! Der Vater, den Sie immer mehr schätzen
würden, wenn Sie ihn recht erkennen wollten, hält auf magnetische Beziehungen im
Menschen. Es ist möglich, dass grade das Gleichartige abstoßend wirkt. Wer weiß,
welche Verwandtschaft grade Schuld ist, dass Sie auf Selma's Nerven einen Druck
ausüben! Bin ich nicht in der gleichen Lage?
    Siegbert stockte. Er gedachte des Bruders und der herzlichen Teilnahme, mit
der Dankmar ihm einst von Selma Ackermann gesprochen. Wie gern hätte er sich
Selma durch die Erinnerung an seinen Bruder empfohlen! Aber dafür, dass ihr Vater
ihn einst auf seinen Knieen wollte geschaukelt haben, dafür, behauptete er, wäre
man zu spröde gegen ihn, zöge sich zu sehr zurück und so hatte er keinen Mut,
seine persönlichen Beziehungen zu erwähnen und durch die Erinnerung an den
Bruder diesen Menschen näher zu treten, die ihm ohnehin viel zu streng zu
urteilen schienen, als dass er gewagt hätte, auf Dankmar's in Hohenberg
gespielte Rolle zurückzukommen.
    Oleander's Liebe für Selma war ersichtlich. Siegbert sagte fast scherzend:
    Und Sie, Oleander? Nach Allem, was ich zu beobachten glaube, liebt Selma
ihren Lehrer.
    Oleander fast erschreckend, konnte nicht antworten, denn Frau von Sänger
trat zwischen sie und forderte Siegbert auf, seine gelehrten Gespräche für ein
ander Mal auszusetzen.
    Mein guter Mann, sagte sie, treibt zur Rückfahrt. Er hat es nicht über sich
gewinnen können, Ihre Rede zu hören, Herr Vikar. Er liebt die Kirchhöfe nicht,
auf die er bisher nur immer seine Frauen schickte. Ich bin die dritte. Er wird
auch mir Erlaubnis geben, noch vor ihm dort hinzugehen.
    Welche Melancholie, gnädige Frau! bemerkte der Vikar.
    Ach, dieser Winter! Diese kalte Luft! Diese öde Einsamkeit
