 in jede freie Lücke
des Nachdenkens und füllt sie sogleich ganz. Ich denke immer daran und hefte im
Geiste schon jedem Menschen, der mir gefällt, das Kreuz unsres Bundes auf die
Schulter.
    Auch mir geht es so, sagte Siegbert überrascht von der gleichen Erfahrung.
Ich riss mich von der Residenz mit einem heroischen Entschlusse los. Ich musste es
tun, aus Gründen, die ich wohl verschweigen soll ...
    Louis bat, ohne Sorge zu sein. Und wenn er auch vor ihm Geheimnisse hätte,
er wäre darum von seiner Freundschaft nicht weniger überzeugt.
    Ich kam nach Schönau, fuhr Siegbert fort, besuchte dort die Männer, an die
mich der plötzlich so auffallend entgegenkommende Propst empfohlen hatte. Man
bot mir in der Tat eine ansehnliche Summe für ein Frescobild in einer neu
ausgebauten freundlichen Kirche und billigte meine Pläne für den zu behandelnden
Gegenstand. Nachdem fing ich für die Einweihung der Kirche an, einige alte
Gemälde von achtbarem Werte wiederherzustellen und lernte in dieser Zeit manche
tüchtige Persönlichkeit kennen. Sonderbar, dass ich Alle in einer gleichen
Stimmung fand wie wir. Alle waren auf's lebhafteste an der Zeit und ihren
Entwickelungen beteiligt, Wenige aber konnten sich mit dem Parteigeiste, wie er
nun einmal geworden, ganz befreunden. Fast Alle warten auf einen politischen
Messias, die Einen in Gestalt eines Napoleon, die Andern in Gestalt eines
Washington. Ich gestehe, dass das Vertrauen auf Egon nicht gering ist. Man hat
ihn schon so oft die Verachtung vor dem bisherigen Laufe der Dinge auf der
Tribüne aussprechen hören, dass Jedermann glaubt, er würde einen völlig neuen
Staat aufbauen. Mit Ungeduld erwartet man das Wahlgesetz, das er, wie man
vermutet, oktroyiren wird. Und doch bemitleidet man ihn, da er mit denselben
Steinen, die er eben abgetragen, doch wieder wird bauen müssen. Mir nun, dem
Maler, glaubt Jedermann sagen zu müssen, dass die Künste in solcher Zeit keine
Freistatt mehr genössen und ergeht sich in Anklagen gegen die Welt, die
unwillkürlich mir doch den Plan meines Bruders als eine große, in der Zeit
schlummernde Idee darstellen.
    O gewiss, sagte Louis. Ich gestehe Ihnen, bin ich zerstreut durch Manches,
was mir seitdem begegnete, oder ist es die Folge jenes Abends, meine
Gesichtskreise haben sich erweitert. Ich fühle mich höher gestellt in dem
Standpunkt, von dem aus ich die Schwierigkeiten des Augenblicks beurteile. Und
ich wiederhole Ihnen, ich habe eine Neigung, Genossen für die Ritterschaft des
Geistes zu gewinnen, die unwiderstehlich ist.
    Das ist auch mein Fall. Und ich sollte meinen, der Drang, Proselyten zu
finden, ist das beste Kennzeichen einer in uns lebendig gewordenen Wahrheit.
    Ich sehe, fuhr Louis fort, so
