 Eine Wahrheit, die einmal erkannt ist, bricht sich in jeder noch so
schwierigen Form ihre Bahn. Welchen Ausweg soll uns unser jetziger Kampf
bringen? Ich sehe Interessen, ich sehe Teorieen. Jene sind ebenso
leidenschaftlich wie diese. Die Interessen und die Teorieen, beide beanspruchen
ein ursprüngliches Recht. Was lässt sich dagegen einwenden? Soll Blutvergießen
entscheiden? Ich bin nicht für das Blut. Ich weiß wohl, die Geschichte ist aus
dem Blute erwachsen. Aber der moralische Mensch kann, darf nicht sagen: Ich will
diese oder jene Wahrheit dadurch beweisen, dass ich ihr diese oder jene Menschen
zum Opfer bringe! Kein Einzelner kann Das sagen, was eine Gemeinde, ein Staat,
ein Volk sagen darf. Solche Stimmungen der Gewalt hängen auch von der größeren
oder geringeren Entzündlichkeit der historischen Krisen ab. Der Denker, der
sittliche Mensch, der sich nur auf sich und die Menschheit bezogen fühlt, kann
nicht Blut predigen, nicht fordern, dass aus der Vernichtung des Lebens Leben
spriesse. Die Interessen der Existenz sind berechtigt. Die Menschen, die uns die
Träger der Irrtümer scheinen, leben wie wir. Allen droht einst das Maß der
ewigen Vergeltung. Was erlaubt uns wohl, vorzugreifen und die Geschichte mit
Gewalt zu bestimmen? Mag's ein Attila, ein Napoleon tun! Mag's ein Timoleon
oder ein Ravaillac tun! Der Pranger, das Blutgericht, vielleicht eine
Ehrensäule wird's ihm lohnen. Sein Name wird bleiben mit goldenen oder mit
schwarzen Buchstaben. Das ist die ewige Persönlichkeit, die nicht aussterben
wird! Aber wenn man zu uns kommt in unsre Denkerwüste und frägt: Was sollen wir
tun, um in's Himmelreich zu kommen? Was sollen wir tun, um unsern Beruf als
Menschen und Staatsbürger zu erfüllen? Dürfen wir da sagen: Dies und Das ist
richtig, Dies und Das ist notwendig, ergreift diesen Stab oder diese Fahne? Man
sagt es alle Tage, man lehrt und predigt so an allen Strassenecken, aber wir
kommen nicht weiter damit. Die Teorieen bleiben unpraktisch und die Interessen
regieren doch die Welt.
    Wenn mich Einer frägt, was soziale Wahrheit ist, ich weiß es nicht. Ich kann
den möglichen communistischen Staat nicht beweisen. Und doch will ich auch nicht
raten, dass man im gemeinsamen Verkehr des Ideen- und Vorsatzaustausches sich
mit Allgemeinheiten begnüge, wie die Freimaurer! Bilde dich selbst, dann bildest
du die Welt! Bessere dich selbst, dann wird die Welt besser! Das sind
Trivialitäten, gefährliche Gemeinplätze sogar und ganz ohnmächtige den Jesuiten
gegenüber! Die wissen Alles in nächster Nähe zu fassen, die erblicken überall
die Möglichkeit einer Anwendung ihrer Principien, die treten sogleich in medias
res und haben Gift, Dolch,
