 ihn, die
Geschichte hat uns die Cholera nicht umsonst gebracht, diesen grauenvollen Tod,
der Niemanden schont, Niemanden achtet, Jeden wie ein Dieb in der Nacht
überfallen kann. Unenträtselt ist noch, wie diese Pest aus Asien mit dem
erwachenden Fieber der Revolutionen zugleich kam. Ich vergleiche diese Zeit mit
dem Mittelalter, wo die Menschen hinstarben, den Kornähren gleich, die der
Schnitter niederwirft. Damals rückten die Menschen näher zusammen, schlossen
Bundsgenossenschaften, Brüderschaften und gingen in grauen Kleidern, demütig,
pilgernd durch die Welt und bestreuten das Haupt mit Asche. Es war ein Zug der
Trauer und des Todes damals in allen Herzen und man starb gern. Nach fünfhundert
Jahren ist es nun wieder so. Wir aber wollen dem Tode zu Liebe keine
Flagellanten, keine Geisselbrüderschaften und Weltverachtungsgilden stiften,
sondern dies armselige Leben getrost hingeben in den Kampf für Recht und
Unrecht. Es werden bald genug üppige, feige Zeiten kommen, die Das, was wir in
diesen starken versäumten, nicht einholen. Also nichts in die Länge ziehen!
Nichts auf die Zukunft verschieben! Fordern, sagen was man will und für Recht
hält, und dann als Mann dafür einstehen und sterben.
    Eine tiefe Stille folgte diesen zuletzt mit Ernst gesprochenen Worten.
Werdeck stützte sein Haupt und konnte nicht umhin, Das, was Leidenfrost von der
Tapferkeit und Todesverachtung unserer Tage fast mit erstickten Tränen sprach,
zu bestätigen.
    Ja, es ist ein anderer Geist, sagte er sinnend, über uns Alle gekommen. Ich
sehe Das am Leben des Kriegers. Wie schonte man sich sonst, wie vermied man die
Gefahr! Was mislich und schwer auszuführen war, mutete man Niemanden zu. Jetzt
drängen sich zehn heran, wo man nur Einen begehrt. Niemand verzieht die Miene,
wo es eine Tat gilt. Man scherzt, man schlägt sein Leben mutwillig in die
Schanze, es ist, als gehörte man schon einer doppelten Welt an, der irdischen
und einer himmlischen ...
    Und woher kommt diese Erscheinung? rief Siegbert begeistert. Von der Bildung
kommt sie. Die Bildung hat Platz gegriffen bis in die untersten Schichten. Die
Frage vom Proletariat hat nicht feige, sondern tapfer gemacht. Eine Idee, eine
Idee der Diskussion hat die Herzen gehoben. Man fühlt sich als Glied der
Gesellschaftskette, man fühlt sich als Hebelkraft der Geschichte. Das
Vereinsleben, die Ahnungen besserer Institutionen haben Wunder gewirkt. Wer
klammert sich noch ängstlich an sein armseliges Ich, wo es etwas Allgemeines
gilt? Stirbt man, so hat man sich für eine Idee hingegeben. Glaubt Ihr denn, dass
es ohne Wirkung für die unteren Klassen ist, wenn sie geschichtliche Tatsachen
erfahren und von alten Zeiten hören, wie es damals war und wie jetzt und wie
