 ich weder ein Buchbinder noch ein
Lakai. Adieu!
    Siegbert erschrak. Er war gutmütig genug, dem Fremden, der wirklich ging,
nachzurufen:
    Wer hat Sie denn für etwas so Geringes gehalten! Bleiben Sie doch, Sie
empfindlicher Mann!
    Seine Worte verhallten aber. Der Fremde war schon den Hügel hinaufgestiegen,
weniger, wie es schien, um sich ganz zu entfernen, als um dort oben sein
zweckloses Schlendern fortzusetzen.
    Siegbert machte sich nun Vorwürfe, ihn verletzt zu haben. Er gehörte zu den
rücksichtsvollen Naturen, die Jeden gern in seiner Art gewähren lassen. Dazu
kamen seine Begriffe über die sittliche Hebung der niederen Stände, die Ideale,
die auch er, wie jetzt soviel edle und träumerische Menschen, sich über die
mögliche Änderung der bisherigen Zusammensetzung unserer Gesellschaft gebildet
hatte.
    Betriffst du dich nicht immer, klagte er sich in Gedanken selber an, auf dem
Widerspruch, dass du wohl die Menschheit im Ganzen und Großen liebst und den
Menschen selbst geringschätzest! Du fühlst mit dem Unterdrückten, hassest diese
ungerechte Verteilung der Erdengüter, bewunderst die wohlmeinenden Geister, die
das Geld abschaffen wollen, um von dem Ersatz dafür Jedem soviel zu geben, als
er für sein Dasein braucht, und jedes mal, wenn du wirklich mit dem Volke in
Berührung kommst, wird es dir so schwer, über schlechte Kleider, entstellte
Mienen, rohe und menschenscheue Manieren hinwegzukommen!
    Siegbert war über sich selbst so misgestimmt, dass er aufstand und seine
Arbeit für beendigt erklären wollte.
    In diesem Augenblick sah er von der Seite des Schlosses her auf den Pavillon
zuschreiten eine schwarz gekleidete nicht junge Dame, die einen uralten
gebückten Greis am Arme führte. Ein gleichfalls alter Diener folgte in
bescheidener Entfernung. Unstreitig war dies der Präsident des Obertribunals,
der wohl jetzt erst unter dem Dach des Pavillons sein Mittagsmahl nehmen wollte.
Die sanftblickende Dame ging schweigend, in liebevoll herabgebeugter Haltung,
neben dem Greise, der noch in würdiger schwarzer Amtstracht, an den heißen
Sonnenstrahlen seine Freude zu haben schien. Langsam die Stufen zum Pavillon
hinanschreitend, nahm er Platz vor einem der gedeckten Kouverts, die sorgende
Begleiterin an dem zweiten Kouvert. Der kleine sauber gedeckte Tisch war nur für
zwei Personen, höchstens noch einen Gast berechnet. Ein solcher saß auch schon
am Tisch, kein Mensch, sondern ein großer Rabe, der mit seinem Schnabel die
Ordnung des Tisches nachzumustern schien und mit klugem Ernst sich umschaute,
ehe er von einigen Körnern pickte, die auf dem Tische für ihn ausgeschüttet
lagen. Ehe der alte Herr nicht den Löffel zur inzwischen von einem zweiten
Bedienten aufgetragenen Suppe ergriffen hatte, rührte der verständige und
höfliche Vogel selbst nichts an, wofür ihn die Dame mit freundlichen Worten,
deren sanfter Ton bis zu Siegbert herüberdrang
