 aus der Gegenwatt die Zukunft. Auch
dieses Weib fleht: »Ists möglich, so gehe der Kelch an mir vorüber, doch nicht
mein, sondern dein Wille geschehe!« Aber weil des Herrn Wille ihm nicht offenbar
ist, bildet sich vor seinem innern Auge die Zukunft in doppelter Weise. Es sieht
sich Hand in Hand mit dem Manne durchs Leben gehen, es trägt in den nächsten
Tagen ihn zum Grabe, steht alleine mit den Waisen, muss alleine sie führen ins
Leben, sie stärken zum Leben. Wie dunkle, schwere Gewitterwolken wälzen sich
diese Bilder anfänglich an seinem Auge vorüber; aber allmählich klären sie sich
ab, gestalten bestimmter sich, gleichförmiger, nur aber schöner jede Nacht,
gestalten zu bestimmten Entschlüssen sich, zu einem Leben, den Gedanken eines
Malers ähnlich, in denen er ein Bild feststellt, in großen Umrissen zuerst und
allmählich von Gestalt zu Gestalt bis zur Ausprägung der einzelnen Züge, an
dessen Ausführung er Jahre, ja sein Leben setzt.
    Man hat oft bewundert, mit welcher klaren Umsicht und großen Energie Witwen
die Zügel großer Haushaltungen fassten und führten, wie ernst und fest sie ihre
Kinder erzogen, wie mächtig sie dem Schmerze geboten, der doch sichtlich ihren
Körper schüttelte. Wer dabeigewesen wäre in jenen stillen, langen Nächten,
gesehen hätte, wie sie mit ihrem Schmerze, wir möchten fast sagen, mit Gott
gerungen hätten, bis sie zu der Kraft und Klarheit gekommen, welche sie üben bis
zum Grabe, durch welche sie hineinglänzen in das An, denken der Ihren wie Sterne
in die Nacht, der würde sich nicht wundern, woher ihnen das Wesen gekommen,
welches niemand in ihnen ahnte, welches so segensvoll wirkte. Doch auch in einer
andern Richtung bildet die Seele, schafft eigentliche Lebensbilder: sie denkt in
Wehmut, wenn Gott den Geliebten ihr wieder schenke, wie sie Beide ein neues
Leben führen wollten in mildem Frieden, teuer Liebe, wie alle Schatten fort
müssten aus dem Leben, alles Trübe, alles Zagen, alles Kümmern um Kleines, wie
sie schaffen wollten in aller Freudigkeit ihr Tagewerk, absonderlich aber
trachten nach dem Einen, das not tut. Heitere Bilder folgen einander in längerer
Reihe, glänzen immer heller, je mehr die Krankheit weicht, das Leben aus der
Krankheit wieder emporblüht, werden trüber und trüber, wenn die Krankheit
steigt; wenn der Tod kommt, erblassen sie, werden begraben im Gemüte, der wahren
Familiengruft, in welcher die geliebten Toten geistig weilen bis zum
Wiedersehen.
    Manche solche stille, lange Nacht wachte Vreneli an Ulis Bette, war
versunken in tiefe Gedanken oder horchte mit blutendem Herzen auf die Irreden
des Mannes. Mehr als eine Woche kam es nicht aus den Kleidern, wollte trotz des
Doktors
