 Zweig der
Landwirtschaft eigen zu beschaffen hatte; er war von denen einer, welche einen
Tag nach dem andern hinnehmen, wie er kommt, ohne Streben und Anspannung, durch
Ausbildung seiner Kräfte oder tüchtigere Anwendung derselben seine Lage zu
verbessern. So erzählte nun das Weib Vreneli so ganz ins Einzelne hinein, wie
kümmerlich sie sich durchbringen müssten, wie Kreuzer um Kreuzer abgezählt werden
müsste, welche Angst und Sorgen es verursache, wenn unerwartet Schuhe geflickt
werden müssten, und welche Freude, wenn unerwartet ein Stück Brot ins Haus käme
oder ein altes Kleidungsstück.
    Vreneli kannte diese Art von Haushaltungen im allgemeinen ganz gut, aber so
ganz ins Kleinste hatte es sie nicht verfolgt, die ängstliche tägliche Pein nie
so anschaulich vor Augen gehabt, als sie ihm jetzt durch seine Freundin
dargestellt ward, so dass es ihm wurde, als sei es selbst mitten drin und müsste
sie mitmachen Tag für Tag. Es hatte unsägliches Erbarmen mit dem armen Weibe, es
fühlte, wie es in solchem Zustande, in welchem man zu wenig hat, um zu leben,
und zu viel, um zu sterben, wo man keine Aussicht hat, ihn zu verbessern, die
höchsten Hoffnungen nicht einmal mehr bis an eine Ziege reichen, höchstens bis
an ein Huhn, namenlos unglücklich wäre, ihn nicht ertragen könnte. In einem
solchen Zustande, gleichsam mit gebundenen Händen und Füßen, jahrelang bis ans
Lebensende zu zappeln, in täglicher endloser Not zu verkümmern, die Brosamen
zählen zu müssen und immer zu wenig zu haben, den eigenen und der Kinder Hunger
zu stillen, das ist das Schrecklichste unter der Sonne. Es schauderte zusammen
bei dem Gedanken, wenn es doch das erleben müsste, es konnte nicht begreifen, wie
die arme Frau das so erzählen konnte ohne Jammer und Weinen. Es konnte nicht
begreifen, wie sie fast noch mit einer Art von Behagen erzählen konnte, wie sie
ihre Armütigkeit verwalte, es dachte nicht daran, wie der Mensch nach und nach
an alles sich gewöhnt und auch daran, im engsten Raume sich zu bewegen und seine
Tätigkeit in die kleinsten Schranken gebannt zu sehen. Wer an weite Aussichten
gewohnt ist, an großen Geschäftsverkehr und weithin reichendes Wirken, dem
scheint ein so eng beschränktes Dasein die schrecklichste Pein auf Erden, und
doch würde er sich im Laufe der Jahre vielleicht daran gewöhnen, es erfahren,
dass die Bürden, welche alle Menschen tragen, wohl anders aussehen, aber nicht so
verschieden sind, als sie scheinen, dass ihre Schwere oder ihre Leichtigkeit
nicht vom eigenen Gewicht abhängt, sondern von der Gewohnheit und dem Gemüte,
welches sie trägt. Schwer trägt ein Kind an einem Pfunde, leichter der starke
Mann einen Zentner.
    Vreneli fühlte das wahre Mitleid, fühlte, wie
