 Bei den meisten
Menschen muss der Glaube es machen, zum Erwägen und Erkennen einer Sache sind sie
untauglich. Dieses fühlen sie dunkel, daher das Misstrauen, namentlich gegen
alle, welche über ihnen stehen, daher die unbegreifliche Hartnäckigkeit, mit
welcher sie das Verderblichste treiben, wenn es ihnen von Leuten eingebläuelt
ist, zu welchen sie den Glauben haben. Die Menschheit steht unendlich mehr unter
der Herrschaft des Glaubens, als man wähnt. Freilich frägt sich dann immer, an
wen man glaubt. Je nachdem die Gemüter sind, hat ein Glaube Gewalt über sie, wie
die verschiedenen Stoffe verschieden empfänglich sind für das Licht, daher auch
in verschiedenen Farben sich darstellen. Nur kann nie genug gesagt werden, dass
der Glaube nicht abhängt von Verstand oder Bildung. Bei Verstand oder Bildung
findet man sehr häufig eine Glaubensweise oder eine Leichtgläubigkeit, welcher
jeder Christ sich schämen müsste. Es gibt sogar Gelehrte, welche glänzende Examen
gemacht, sie verachten die Evangelien, aber sie schwören mit einem wahren
Köhlerglauben zu den Kollegienheften eines versoffenen Professors.
    Ulis Knechtlein ists also nicht zu verargen, dass sie das Heilsame in seinen
Ratschlägen nicht begriffen, dieweil sie halt keinen Glauben zu ihm hatten. Aber
Uli ist zu bedauern, dass er sich den Sonntag rauben ließ, gleichsam so
unvermerkt, wie Diebe die Börsen stehlen sollen, denn war er vormittags nicht in
der Predigt, kam er nachmittags noch viel weniger in die Kinderlehre, kam aber
auch zu keinem Buche. Nachmittags musste er irgendwo aus, wo er an den
Arbeitstagen sich nicht Zeit nahm, einem Handwerksmann nach oder um eine Kuh aus
oder wollte Geld von einem Müller für Korn oder einem Wirte für eine fette Kuh.
Es war immer etwas zu laufen, und manchmal lief er sich außer Atem und ward doch
nicht fertig.
    Man glaubt aber nun gar nicht, was das für einen Einfluss auf ein Gemüt hat,
wenn kein Lichtstrahl von oben es mehr erleuchtet, kein Himmelsbrot es mehr
kräftigt, die Dornen und Disteln des Lebens es überwuchern, die Sorgen und
Gedanken um Gewinn und Gewerbe es dichten Nebeln gleich umschleiern. Man denke
sich eine wilde Kluft, in welche die Sonne nie scheint, aus welcher die Nebel
nie weichen, man denke sich, was da wächst, was da kriecht und flattert; man
denke sich das grausige Leben, wenn man gebannt würde in eine solche Kluft, da
leben müsste in den Nebeln unter dem giftigen Gezüchte und ohne Sonne, nicht
einmal sich heben dürfte empor über den Rand der Kluft, nicht einmal mehr den
Kopf recken könnte über die Nebel empor in frische, gesunde Luft hinein! Ähnlich
nun ist es, wo der Geist des Herrn nicht über den Wassern schwebt, das Wort von
oben nicht mehr
