
schütteln gesehen haben.
    - Du tust mir großes Unrecht - sagte er endlich mit leidenschaftslosem Tone
- ja wahrlich, großes Unrecht. Mein Herz weiß von dem Allen nichts, was Du
sagst. Und fühlte ich Eifersucht, wie Du meinst, so könnte es nur darum sein,
weil ich sehe, wie Ihr Euch Alle von diesem glattzüngigen Franzosen betören
lasset, statt meinem Rate zu folgen, der besser gemeint ist. Ihr werdet das
früh genug einmal einsehen. Doch gleichviel. Ich kann noch nichts beweisen und
darum will ich schweigen, darum will ich die Stimme in meiner Brust
unterdrücken, welche mir laut und unablässig zuruft: Traue ihm nicht, er meint
es nicht ehrlich mit Euch, er ist ein Verräter. Und nun lebt wohl. Vergesst
nicht, morgen heraus nach den Zelten zu kommen. Auf Wiedersehen.
    Hiermit trennten sie sich. Als Ralph seinen Begleitern die Hand reichte, lag
ein wohltuendes Gefühl in der Bemerkung, dass Hartwig, welcher während des
ganzen Gesprächs kein Wort geredet, seine Hand fester als gewöhnlich drückte,
gleichsam als teile er Ralphs Befürchtungen, wage jedoch nicht, sie laut werden
zu lassen.
    Ralph ging darauf graden Weges nach Hause. Das Gespräch mit seiner Schwester
bestärkte ihn nur noch mehr in seinem Verdachte gegen Gilbert, flößte ihm jedoch
die Hoffnung ein, den Verräter zu entlarven.
 
                                       IV
Gilbert hatte indes einen ganz andern Weg eingeschlagen, nämlich nach dem Hotel
der Gräfin Bedford, welche heute Abend ihren großen Salon geöffnet hatte. Die
Gräfin Bedford war eine Frau von nahe an vierzig Jahren, was sie jedoch
keineswegs hinderte, noch eben so schön als liebenswürdig zu sein, eine
Bemerkung, die, da sie nicht nur von ihr selbst, sondern auch von einer
zahlreichen Menge eleganter Verehrer gemacht wurde, die Gräfin vollkommen dafür
entschädigte, dass in den engeren Zirkeln der »honetten Bourgeoisie« und der
»Aristokratie comme il faut« ihr Ruf zuweilen mit dem Prädikat der
Zweideutigkeit charakterisirt wurde. Ihren Salon, in welchem, - wenn nicht der
sogenannte »beste« - so doch gewiss ein Ton herrschte, der an Feinheit dem der
»höheren Zirkel« die Spitze bot, an Lebendigkeit und Geschmack dagegen ihn bei
weitem hinter sich ließ, füllten die Elegants aus allen Nüançen und Schichten
der sogenannten »höheren Gesellschaft;« Barone, Grafen, selbst Sprösslinge
erlauchter Häuser, Diplomaten, Künstler, Gelehrte, Banquiers: sie hatten Alle
Zutritt unter der einzigen Voraussetzung, dass sie gebildet genug waren, um die
große Wahrheit zu begreifen, dass es nur eine Schranke für den Gegenstand einer
öffentlichen Unterhaltung gibt: die Langeweile - und interessant genug, um die
seltene Kunst zu verstehen, sich innerhalb dieser Schranke mit taktvoller
Eleganz und pikanter Feinheit zu bewegen.
