 herrschte im ganzen Kreise. »Gut« - fuhr sie fort -
»ich sehe, dass Sie mich kennen. Lassen Sie sich denn sagen, was ich über
Emanzipation des Weibes denke. Meine Rede wird kurz, aber inhaltsreich sein:
Des Weibes Glück ist die Liebe,
Aber das Glück der Liebe ist die Freiheit!
Das ist mein Wahlspruch, meine ganze Philosophie. Es würde mir ein Vergnügen
machen, diesen Satz zu verteidigen, wenn sich ein Angreifer fände.« Sie setzte
sich. Nach einigen Sekunden, während welcher die bisher beobachtete Stille nicht
unterbrochen wurde, erhob sich jener Mann mit interessanten Zügen, in dessen
Gespräch mit Schattenfrei sich Landsfeld gemischt hatte.
    Landsfeld konnte beim hellen Schein der Lampen die Züge dieses Mannes
deutlicher beobachten. Es war in Gesicht, von dem man sagen konnte, dass jeder
Zug ein Abschiedsbrief ehemaligen Glaubens und jede Miene ein Trauerflor
gestorbener Hoffnungen war.
    »Wenn ich Sie recht verstehe, so wollen Sie sagen, dass das Weib nur wahrhaft
lieben kann, wenn und in so fern es frei ist, und nur dann wahrhaft frei ist,
wenn es liebt.«
    »Ja; - doch unter der Bedingung, dass Sie unter der Freiheit nicht bloß
Freiheit, das heißt Unbeschränkteit in der Empfindung, sondern Freiheit
überhaupt, sociale Freiheit begreifen.«
    »Was nennen Sie sociale Freiheit?«
    Alice dachte einen Augenblick nach: »Freiheit der Individualität« - sagte
sie endlich. »Vergessen Sie nicht, dass wir von der Emanzipation der Frauen
sprechen. Aber selbst ganz im Allgemeinen genommen, lässt sich diese Erklärung
rechtfertigen. - Das wahrhaft Menschliche muss überall triumphiren. Dass es nicht
so ist' liegt in der Verkehrtheit unserer socialen Verhältnisse.«
    »Vielleicht lässt sich jene Erklärung eben deshalb nicht auf
Frauen-Emanzipation anwenden, weil sie zu allgemein ist. Denn mir scheint in der
Forderung, die weibliche Individualität zu emanzipiren, ein Widerspruch zu
liegen.«
    »So meinen Sie also, dass das Weib dazu verdammt ist, ewig in den Fesseln zu
schmachten, die ihnen Willkür und Herrschsucht der Männer angelegt.«
    »Nicht Herrschsucht der Männer, sondern die Natur« - erwiderte er ruhig.
    »Das sagen Sie, aber ich fordere einen Beweis. Ist das Weib etwa weniger
Mensch als der Mann, bildet es etwa eine Zwischenstufe zwischen Mensch und Affe.
Freilich, die Männer möchten es gern so darstellen.«
    »Der Mann hat seine Schranke, das Weib die seinige; und in beiden Fällen
führt die Natur den Beweis am deutlichsten beim Weibe.«
    »Oh, ich ahne, was Sie sagen wollen. Aber ich finde darin keinen Beweis.
Denn dass diese Schranke überwunden werden kann, zeigen Beispiele genug.«
