 lachenden Profils.
Deshalb dringt das melancholische Moll tief in unsere Empfindung und setzt die
innersten geheimsten Saiten unseres Gefühls in nachhallende Schwingungen,
während das hüpfende heiter versöhnende Dur nur die Oberfläche unserer Seele
durchdringt und mehr unsern Geschmack, als unser Herz befriedigt. Ja, in ganzen
Völkern zeigt sich dieser Drang nach dem Schmerzlichen, vorzüglich in der Musik;
z.B. bei den Polen, Ungarn, wogegen den Franzosen und Engländern dieser
Nationalzug ganz fremd ist.
    Woher nun dieser Drang nach dem Wehmütigen, woher die Furcht vor der
Versöhnung? Woher dieses Gefühl des Erhabenen, Edlen, Idealen im Schmerze und in
der Wehmut, welche Nicht ist, als der Genuss des Schmerzes. Nur der Mensch ist
der Wehmut fähig. Das Tier fühlt nur Freude oder Schmerz, im materiellen
Sinne. Woher diese Lust an der geistigen Qual?
    Weil der Mensch nur diese ewig mit sich selbst ringende Natur hat. Habe ich
also nicht Recht, wenn ich behaupte, dass der Schmerz ein wesentliches Element
des wahrhaften Menschenseins ist?
    Darum ist er es, weil er etwas Göttliches ist, oder doch aus ihm stammt,
nämlich aus dem unendlichen, nie ganz gestillten Drange nach der Freiheit des
Geistes. Nie gestillt - darin liegt seine Quelle. Denn die Freiheit ist ein
unerreichbares Ideal.
    Der Schmerz ist deshalb etwas Göttliches, weil er die Empfindung ist, dass
wir nicht Götter sein können, und doch Götter sein wollen. - Er ist das Mich
dürstet des Gottes, den wir in uns haben, und den wir in uns selbst kreuzigen,
weil wir ihn nicht verstehen.«
    Landsfeld sagte diese Worte mit dem Ausdruck einer tiefen Trauer auf seinem
Gesicht, als fühle er den Schmerz der ganzen Menschheit selber in seinem Innern
wühlen. Lydia war in eigentümlicher Bewegung. Als wäre plötzlich ihre bisherige
Welt aus ihren Angeln gehoben und eine andere, unendlichere an ihre Stelle
gesetzt, so überwältigend drangen seine Worte in ihre Seele, so tief
erschütterten sie sie bis in ihre letzten Wurzeln. Eine flammende Röte zog,
während Landsfeld sprach, wie der Morgenschein eines neuen Tages auf ihre Wangen
herauf, als sie mit zitternden Lippen und feuchtem Auge an seinen
schwärmerischen Blicken hing; und als er nun schwieg, und sein Auge, das bisher
halb niedergeschlagen war, sich langsam nach dem Auge Lydiens erhob, da schlug
sie die ihrigen zu Boden; aber ihr Erröten wurde noch tiefer und flammender,
als sie, ihre Bewegung bekämpfend, sagte:
    »Ihre Anschauungsweise, Herr Baron, ist mir zwar neu, doch glaube ich Sie
vollkommen verstanden zu haben. Ich gebe Ihnen zu, dass der geistige Schmerz die
Seele adelt, weil er selbst etwas Edles ist. Auch das glaube ich nicht falsch
aufzufassen, was
