 hatte die gute Dornefeld die Exaltationen, das
Meteorartige in dem Wesen meiner Mutter angestaunt, das ihr bald miraculös, bald
monströs erschienen war. Aber ihr ängstliches Staunen wich dem Gefühl des
Mitleids, als sie sah, wie unglücklich die Frau war, welche kometenartig die
Bahn an dem Horizont des Lebens durchstürmte. »O! meine Gräfin!« hatte sie oft
gesagt, »wie anders wäre Ihr Loos geworden, hätte man Sie früh an eine treue,
weibliche Brust gelegt; hätte eine linde Frauenhand die wilden Stürme dieser
Natur durch milde Liebe magnetisch calmirt.« Und mit solcher Konviction hatte
sie diese Worte gesprochen, dass meine Mutter sich derselben noch auf ihrem
Todtenbette erinnerte und mich der treuen Seele zu übergeben beschloss.
    Meine ersten Erinnerungen knüpfen sich an unser Stammgut und an die
Dornefeld. Meine Mutter hatte gewünscht, mich von Allem fern zu halten, was
meine jugendliche Seele exitiren konnte. Sie hatte es der Dornefeld zur Pflicht
gemacht, für eine kräftige Entwickelung meines Körpers zu sorgen, und meinem
Geiste Zeit zu gönnen, sich innerlich zu developpiren, ehe man ihn nach außen
durch Wissenschaft und Kunst zu beschäftigen suchen würde. Nur Frauen sollten
mich unterrichten und in meiner nächsten Umgebung leben, denn meine Mutter
erinnerte sich, wie früh sich ihr Verhältnis zu dem Meister Fidelis eigentlich
entfaltet hatte und wünschte mich davor zu bewahren.
    So führte ich ein wunderbares Doppelleben. Auf einer Seite klösterliche
Zucht und Einsamkeit, auf der andern ein wahrhaftes Elfenleben in Wald und Feld.
Da mein Körper durch Übung entwickelt und dennoch männlicher Unterricht
vermieden werden sollte, wählte die gute Dornefeld eine Mademoiselle Rosalinde,
die früher Mitglied einer Kunstreitergesellschaft gewesen war, zu meiner
Lehrerin im Reiten, und ließ eine Hallorin, Margarete Feller, kommen, welche
mich im Schwimmen, Turnen und Schlittschuhlaufen unterweisen sollte.
    Rosalinde war eine ganz aparte Erscheinung. Sie war schön gewesen, war
adorirt worden von den brillantesten Kavalieren, bis ein unglücklicher Sturz vom
Pferde ihre ganze Existenz bouleversirte. Sie musste auf ihre Karriere renonciren
und, da in der Zeit, welche sie an das Krankenlager gefesselt verlebte, ihr
Geist sich mit Intensität nach innen wendete, war der Wunsch nach einem reinen,
moralischen Wandel in ihr rege geworden. Sie hatte einen Geistlichen verlangt,
dieser hatte sie mit seiner Freundin, der guten Dornefeld, in Rapport gebracht
und so war sie von dieser in unser Haus aufgenommen worden, um sich zu erheben
durch ein ruhiges Leben und mich zu bewahren vor einem unruhigen, durch
männliche Leidenschaften getrübten.
    An Rosalinde hing ich mit tiefster Inclination. Wenn die gute Dornefeld mich
mit dem Nähzeug beschäftigen wollte, so scheiterte ihr Bestreben an meinem
ganzen Naturell. Nicht als ob ich es nicht hätte lernen können oder wollen; im
Gegenteil
