 an Ermanby und mir schauderte. Ein leichter Frison fuhr über
meine Glieder, aber ich schämte mich seiner, als einer unwürdigen Schwäche. Ich
sagte Friedrich, dass ich vor den Schrecken einer Wissenschaft nicht zurückbebe;
dass freilich mich die geringste Geschmacklosigkeit in der Ausdrucksweise eines
Menschen au dernier degré degoutire, dass mich ein unharmonisches Geräusch nervös
mache, dass ich aber mehr ertragen könne als ein Mann, wenn es darauf ankäme,
mich durch neue Sensationen aus meinem Ennui zu befreien.
    »So haben Sie die Gnade, Frau Gräfin! Ihren Wagen zu befehlen, und erlauben
Sie mir, Sie heute versuchsweise in die Morgue zu führen.«
    Es geschah. Als wir in dem feuchten, nebligen Winterwetter durch die nassen,
dampfenden Straßen von Paris fuhren, blickte Friedrich mehrmals seufzend zu den
geschlossenen Fenstern hinaus. Ich fragte ihn, was ihm fehle.
    »O,« sagte er, »in diesem Momente, Frau Gräfin, fehlt mir Nichts, aber grade
das erinnerte mich an eine Zeit, in der ich Alles entbehrte, in der ich hungernd
und frierend aus der Armenschule in meine elende Bodenkammer heimkehrte, und
meine kranke Mutter ohne Feuer fand, weil sie für dies Ersparnis das Licht
kaufte, bei dem ich mich für meine Lectionen vorbereitete. Meine Mutter ist in
der Armut gestorben und ich genieße jetzt zu meinem Schmerze ohne sie ein
Wohlleben, das ihr fürstlich scheinen würde und das ich so gern mit ihr geteilt
hätte.«
    »Und haben Sie keinen Bruder, keine Schwester, die jetzt an Ihrem Success
Teil nehmen?«
    »Ich habe Niemand. Mein Vater starb vor meiner Geburt, ich bin ganz allein
in der Welt; ich habe Niemand, der liebend an mich denkt, Niemand, der meiner
bedarf in besonderer Liebe; da wendet denn das Herz sich der Menschheit zu und
sucht in ihr die Liebe seines Herzens.«
    Bei diesen Worten legte sich wieder der feuchte Glanz über die Iris seines
tiefblauen Auges. Die Rührung in dem Angesichte eines schönen Mannes hat eine
aparte Grazie; ein Charakter ist so selten eine weiche, impressionable Natur.
Ich fragte mich innerlich, was mich an diesem deutschen Professor interessire,
dessen Manieren, dessen Moquerie zu Anfang unserer Entrevue wirklich so sehr an
das Beleidigende streiften, dass man es nur pardonniren konnte, wenn man annahm,
er ignorire den usage du monde. Endlich fiel es mir ein, es sei eben dies
bürgerliche Element, das mir neu und darum reizend sei. Die ausgezeichnetsten
Frauen unseres Hauses, Gräfin Ilda Schönholm, Gräfin Kornelie, meine Mutter
Sibylle, Margarete Tierstein, Alle hatten einen bürgerlichen Liebhaber, eine
Episode mit einem Bürgerlichen gehabt, und Alle hatten einen passageren Reiz
darin gefunden. Dies beruhigte mich über die
