 in die
Zeiten des Deukalion verlieren. Der erste Ahne, dessen Name in den Registern
unsers Geschlechtes verzeichnet worden, ist Diogenes; seine Laterne, mit der er
Menschen suchte, leuchtet in unserm Wappen. Er hinterließ keinen männlichen
Erben, er selbst hatte in seiner schroffen, gewaltsamen Natur die Kraft ganzer
Generationen verbraucht. Nur eine Tochter blieb von ihm zurück. Ihr vermachte er
seine Laterne, sie segnete er in seiner Sterbestunde mit den Worten: »Suche
einen Menschen, bis Du den Rechten findest.«
    Dies mysteriöse Wort ist der Segen und der Fluch unsers Geschlechtes
geworden. An ihm sind die edelsten Herzen gebrochen. Die ganze wandernde
Rastlosigkeit, der ganze cynische Idealismus, oder soll ich sagen, der ideale
Cynismus und alle Abnormitäten in dem Behaviour unsers Stammvaters sind auf uns
übergegangen, und machen heute noch die Grundzüge unsers Geschlechtes aus, das
sich merkwürdiger Weise fast nur durch die Geburt von Töchtern fortpflanzt. Die
Laterne ist ein Dunkellehn geworden.
    Ich übergehe mit rücksichtsvoller Diskretion das Leben der Frauen unsers
Hauses im Mittelalter. Man ist es sich schuldig égards zu nehmen und nicht
freiwillig dem blöden Auge der Masse die partie honteuse seiner Familie
preiszugeben. Wie leicht könnten bürgerliche Frauen, in deren rote, von
schwerer Arbeit zerstörte Hände mein Buch fiele, das edle, unbefriedigte Dasein
meiner Aeltermütter misverstehen. Wie könnte eine Frau, die sich begnügt mit der
kühlen Liebe eines bürgerlichen Regierungsrates und mit der waschenden und
kochenden Pflichterfüllung in ihrer engen Sphäre, das große Leid einer Kaiserin
Messalina, einer Lucrezia Borgia, einer Königin Johanna von Neapel verstehen!
Wie könnte sie die Schmerzen rastlos suchender, ewig unbefriedigter Liebe
verstehen, die in jenen Frauen so gewaltig wurden, dass die glühende Liebe sich
in Hass verkehrte und die Fackel des Hymen sich verwandeln musste in den Dolch und
in das Schwert! O, es gibt furchtbare Sensationen, es gibt tragische Emotionen
in dem Dasein edler adeliger Weiber, von denen ihr Nichts wisst, die ihr in den
Tälern und nicht auf den Höhen des Lebens geboren seid!
    Aber die nivellirende Macht der Zeit hat auch unserm Geschlechte die
Titanenkraft gelähmt. Wir sind nicht mehr, was wir waren. Wir sind nervos
geworden in der engen Atmosphäre der Städte, seit wir herabgestiegen sind von
den Zwingburgen des Mittelalters. Wir haben das heilige Himmelsfeuer in unserer
Brust zu verbergen gelernt, wir müssen uns menagiren. Der Dolch ist unserer Hand
entfallen vor Schreck über das plebejische Institut der bürgerlichen Assisen,
unsere Empfindungen sind dieselben geblieben.
    Wir suchen heute noch das Ideal des Mannes, wie es unserer Phantasie
vorschwebt - und wir finden es nicht; wir dürfen die Laterne in unserm Wappen
noch nicht verlöschen, der »Mann par excellence« ist noch nicht in den Horizont
unsers Hauses
