 der Dornefeld von bienséances, von meinem Vormunde, von der
Notwendigkeit, ihn zu Rate zu ziehen, wir hörten es kaum, oder hörten es doch
nur so, wie die seligen Bewohner des Jenseits das unheilige Geräusch des
Erdengetreibes vernehmen mögen.
    Bonaventura hatte mich hinabgeführt in den Garten zu einer Bank unter dem
Schutze einer mächtigen Linde. Hier warf er sich abermals stumm vor mir nieder.
Hier betrachtete ich zuerst die ganze magnifique Schönheit seiner Erscheinung.
Er zählte damals etwa zweiundzwanzig Jahre. Hoch und schlank aufgeschossen,
hatte er die ganze Flexibilität und die wundervolle Eleganz der Jünglinge aus
altadeligen Geschlechtern. Dunkle Locken, schwarz wie die Flügel der
Rauchschwalbe, legten sich weich um seine geniale Stirn, und wie Sonnenstrahlen
aus dem spiegelhellen Blau eines Schweizersees, mit so limpidem Lustre tauchten
seine goldbraunen Augen aus dem verschwimmenden Weissblau der Netzhaut hervor.
Ich legte meine Händchen auf sein Haupt und wollte den Mund öffnen, um in Worten
die ganze heiße Fülle meiner Seele auszuhauchen, da presste Bonaventura meine
Hände urplötzlich fast gewaltsam an sich und sagte leise und mit vor innerer
Emotion fibrirender Stimme:
    »O schweig, schweig! meine Diogena! Fühlst Du denn nicht, dass die Seele des
Erdgebornen nur gradatim die Wonne des Himmels erträgt? Fühlst Du denn nicht,
Diogena, dass mich heute Dein bloßes Anschauen außer mir wirft? Und willst Du
mich vernichten durch Ekstase, indem Du noch den Zauber Deiner Rede gegen mich
benutzest? Sei barmherzig, Himmlische, und schweige!«
    Ich bebte vor Wonne, wie er selbst. Die ganze gefährliche Macht solchen
Schweigens wuchtete sich über uns und bedrohte mich mit seiner Gewalt. Wie ich
nun so dasaß, eingewiegt in die berauschende Wonne seiner Nähe, so fühlte ich
dies Gefühl zu einer so excessiven Höhe erwachsen, dass meine junge Natur in ganz
oppositionnelle Empfindung übersprang, und von einem Extrem in das andere
vaguirte. Ich brach in das inertinguibelste Lachen aus, sodass Bonaventura mich
erschrocken fragte, was mir begegnet sei?
    »O mein Bonaventura!« rief ich aus, »ist es denn nicht zum Lachen, dass zwei
Sprossen altadeliger Geschlechter eine Verlobung feiern, wie die unsere? Wo ist
da eine Spur von Etikette, von Konvenienz? Wo sind da alle Präliminarien solcher
Verbindungen? Aber das gerade entzückt mich. Das gerade ist absolut vornehm,
denn es ist über alle Berechnung erhaben. So, ohne Frage um alle irdischen
Interessen, kann sich nur die Creme der Aristokratie verbinden, die wie die
Lilien auf dem Felde leben, ohne zu denken, dass man arbeiten und sich kleiden
müsse; dies ist nur der Elite der Menschheit möglich, bei der diese Rücksichten
fortfallen, bei der Reichtum und Adelsgleichheit und Sorgenfreiheit ein cela va
sans dire sind. O
