
        
                                  Fanny Lewald
                                    Diogena
                         Roman von Iduna Gräfin H.. H..
                                   Erstes Buch
Es ist ein Vorzug alter, adeliger Geschlechter, dass sie vermöge ihrer Stammbäume
zurückblicken können in die Vorzeit, die ihnen speciell zugehört, und dass sich
dadurch in dem Bewusstsein der Nachkommen die Schicksalsfäden zu einem Ganzen
verweben, die für den Niedriggeborenen nur einzelne zerstreute Tatsachen
bleiben.
    Überhaupt, wahre, großartige Schicksale hat nur die Aristokratie! Es gehört
Musse dazu, ein Schicksal zu haben, es ist eine Vocation, eine Distinction ein
Schicksal! Ein großes Schicksal adelt das Leben eines sonst ganz mäßigen,
eitelen, frivolen Menschen, es fällt vom Himmel herab wie die edlen Prärogative
der Geburt; aber es will nur von feinen Händen aufgefangen sein, es will nur in
englische Parks und auf persische Teppiche herniederfallen; denn das Schicksal
ist selbst ein Aristokrat des Himmels.
    Oder denkt euch, ein großes, gigantisches, ein exclusiv tragisches Geschick
fiele auf das Leben eines Handwerkers herab! Wie könnte es sich da gestalten?
Not und Sorgen treten so sehr in den Vorgrund, der Hunger und die Arbeit
ertödten alle Sentimentalität, die Phantasien, die vaguen Träumereien, die
idealischen Erhebungen fliehen vor dem Klappern der Werkzeuge und das ignoble
Verlangen hungernder Kinder lässt den Eltern weder für die poetischen Alluren
des Herzens noch des Geistes freien Raum.
    Wie anders gestaltet sich unser Loos, die wir nie arbeiten, die wir nie
hungern und die wir von dem Erdendasein Nichts kennen, als die Salons und die
daran stossenden Bowlinggreens, die Reisekalesche und die eleganten Hotels; die
Armen, denen wir mit graziöser Nonchalence ein Almosen zuwerfen, die
Dienerschaft, welche wir mit vornehmer Impertinenz ignoriren und die Frauen
unsers Standes - Rivalinnen, mit denen wir eine Lanze brechen - und die
ebenbürtigen Kavaliere, Sklaven unserer hochadeligen Kapricen, Spielbälle
unserer phantastischen Herzensunersättlichkeit.
    O! das Leben ist schön auf diesen Höhen der Existenz! Wie die ewig
lächelnden, leichtlebenden Götter des Olymps leben wir, und heißen Dank sollte
das bürgerliche Gros der Menschheit Denjenigen zollen, die ihm in ihren Romanen
ein Abbild unsers Daseins gewährten, die ihm vergönnten die Portieren zu lüften,
hinter denen sich unsere aristokratische Existenz, unsere nobeln Passionen
verbergen.
    Ich liebe die Großmut in dem Charakter des Edelmannes, sie gehört zu ihm,
wie der Helmstutz in seinen Blason; und ich schätze die Milde in dem Herzen
einer Frau, denn sie kommt ihr zu, wie die blassgelben Handschuhe ihren
zierlichen Händchen. So will ich, obgleich es mein Herz zerreißt, untertauchen
in die schmerzlichen Erinnerungen meines Lebens und mich sacrificiren zum Besten
der Roture, die schon seit Jahren mit blödem, adorirendem Staunen den
miraculösen Schicksalen unsers Hauses folgte.
    Ich stamme von einem altgriechischen Hause ab, dessen Uranfänge sich
