 dies schöne Maß zu
bewahren - das ist in unserer Zeit des Weibes einzige Unschuld und Sittlichkeit.
Nichts geht doch über eine harmonische Erscheinung; der Triumph, den die Natur
in ihren Schöpfungen feiert! Wenn der Körper zum lebendigen Ausdruck der Seele
geworden, jede seiner Bewegungen ihre Grazie atmet, und das Ebenmass seiner
Formen ein Abbild ist ihrer innern, massvollen Schönheit: dann ist schon der
Anblick eines solchen Wesens Göttergenuss, ein trunkenes Schwelgen in den ewigen
Rhytmen der Welt! Ich habe ein solches Weib gesehen, und ich bin andächtig
geworden! O es gibt einen schönen Katholizismus des Herzens, der mich zum
Proselyten machen könnte! Eine solche gnadenreiche Madonna in ihrer Glorie, eine
fleischgewordene Offenbarung der ewigen Schönheit kann Wunder tun an mir! Und
sie befreit den Geist und knechtet ihn nicht; denn Schönheit ist Freiheit.
Leidenschaftlich, rücksichtslos folgt er ihrem Schritt, hängt sich an ihre
Fersen! Denn die Herren der Welt machen ihre Rechte geltend, und fordern die
Schönheit als ihr Regal! Mit dem unwiderstehlichen Zauber ihrer Macht, der die
fluchwürdig erniedrigte Sclavenwelt mit den Schauern der Untertänigkeit
schüttelt, sprengen sie alle Riegel, die man vorsichtig dem Gewissen des Volkes
vorschiebt, und sanktioniren das Verbrechen, indem sie es selber begehn! Es
liegt etwas Großes in der ungebundenen Schrankenlosigkeit eines nur sich selbst
gehorchenden Lebens! Doch wenn diese Größe ein Recht der Menschheit ist, so darf
sie nicht ein Vorrecht Einzelner sein. So kann sie nur zerrütten, zerstören; und
ich werde ankämpfen gegen dies Monopol des Verbrechens bis zum letzten Atemzug!
Ein schöner Nachmittag! Dies Weib ist Poesie; ihr ganzes Wesen ein Gedicht! Mir
war's, als umschwebten sie all' die herrlichen Geister der Vergangenheit, von
den lieblichen Idyllen Griechenlands, über denen ein ewig heiterer Himmel ruht,
wie das klare Auge eines Gottes, bis zu Petrarkas träumender Romantik, die an
Vaucklüsens rauschendem Quell der Liebe unsterbliche Lieder singt! Und dann
wetterleuchtet's wieder auf in ihr von modernen Gedankenblitzen, aus dem Schoss
einer zerrissenen, gährenden Zeit geboren, prophetisch die dunklen Tiefen der
Zukunft erleuchtend! Der Besitz eines solchen Weibes wäre der Schlüssel zu allen
Mysterien des Lebens, zu allen Offenbarungen der Poesie.
Ich habe nie geliebt! Auch das ist nicht Liebe! Liebe ist unruhig und voller
Wünsche; stets unzufrieden mit dem Nächsten, stets hinauslangend in die Ferne!
Von einer Stufe der Seligkeit strebt sie nach der höheren hinan; und ihre
Himmelsleiter ist unendlich! Ich bin ruhig und zufrieden, glücklich, wenn ich
vor roher Hand ein vollendetes Werk beschützen kann, das die Natur in ihrem
Allerheiligsten aufgestellt. Das beseligt mich; das genügt mir! Ich bin ein
treuer Wächter, und werde es nicht dulden, dass
