
jugendliche Verirrung! Doch diese Jugend kam ja nicht von den Schulbänken her,
träumte ja nicht von der Republik eines Kato und Brutus, mit der Inbrunst eines
schwärmerischen Lateiners, der die toten Lettern seiner Klassiker zum Leben
erwecken will in der Gegenwart. Diese Jugend hatte mitgestritten in den
Schlachten von Leipzig und Belle-Alliance, nährte sich mit dem Marke großer
Taten, hörte die Würfel eines bedeutsamen Weltgeschicks auf den blutigen
Schlachtfeldern fallen, sah dem Tod in das Auge, und lernte die Geschichte,
indem sie dieselbe schaffen half! Das eiserne Kreuz schmückte ihre Brust! So
hatten sie das Vaterland erlös't aus langer Knechtschaft, auf dass es, von innen
heraus, nach eigenem Gesetz, sich emporringe zur Freiheit, und sie nicht
empfange als die Gabe eines fremden Volkes, als die Nachlese einer fremden
Revolution! Wohlan, ihr diplomatischen Kläger, ihr habt Recht! Ihr macht diese
Begeisterung, die eure Schlachten schlug, die an die Freiheit glaubte, sie nach
außen errang, sie nach innen erringen wollte - ihr macht sie zu einer
jugendlichen Verirrung.
Fast wird es mir schwer, zu glauben an den Fortschritt der Menschheit, an eine
innere, heilige Notwendigkeit, an des Geistes siegreiche Macht, der in immer
neuen Formen zu immer höheren Entwickelungen reift? Aber ich muss daran glauben -
soll mir die Geschichte nicht zu einem großen Leichenfeld werden, auf dem eine
masslose Willkür triumphirt; auf dem des Lebens Gestalten zu gespenstischen
Schatten werden. Und doch - Griechenland und wir, das Volk der göttlichen
Schönheit und Jugend und Freiheit - und wir! der Areopag - und der Bundestag!
Oder die Zeiten des vorigen Jahrhunderts, das römische Reich, mit seinen
Reichstagen, seiner Reichsarmee, seinem Reichskammergericht, seinen lächerlichen
Reichsmittelbarkeiten, mit den Fürsten, die das Mark und Herzblut vergeudeten,
mit ihren Maitressen und Juristen und Pfaffen, mit ihren Kriegen um ein
Titelchen des Rechts oder der Etikette, um einen Fetzen Landes; mit ihren
Ministern und Juden, die sich in die Beute teilten! O, auch der Glaube an den
Fortschritt der Menschheit muss stark sein in der innersten Seele, so stark, dass
er Berge versetzen kann! Denn die Geschichte selbst scheint an ihm zu
verzweifeln; ihre Blätter stehen voll kühner Skepsis; und die Gegenwart bietet
keinen Trost und keinen Halt.
Ein blasirtes Geschlecht hält es für Torheit, an Ideen zu glauben und nach
ihrer Verwirklichung zu ringen. Die feine Welt verachtet die Ideologen, die
Schwärmer, deren Kompass nicht von dem Wind der faden Mode umgetrieben wird; die
in dem flüchtigen Genuss des Augenblicks nicht aufzugehn vermögen! Da schlürfen
sie, die Diplomaten, die Aristokraten, die ganze Seligkeit eines komfortablen
Lebens, spielen, wie Mückenschwärme in der Abendsonne
