 missverstanden werden. So sah sie
auch hier den ihr gegenübersitzenden Mann traulich an, und sprach, während sie
das Buch fortlegte und einige Geisblattblüten zerpflückte: »Ich las eben in der
Indiana, und bin von der lebenswahren Schilderung der Leidenschaft und des
Schmerzes so ergriffen, dass ich heute nicht weiter lesen kann.«
    »Im Glücke, gnädige Frau,« entgegnete Stein, »muss man ein solches Buch nicht
lesen, so schön es auch sein mag. Sie begehen damit ein Unrecht an sich selbst!
Eine edle Natur muss ein reines, ungetrübtes Glück genießen; und wie ein
gerechtes Geschick den Schmerz und die Trauer von ihr fern halten würde, so muss
sie selbst jede Berührung mit diesen unheimlichen Gewalten vermeiden, gleich als
würde sie dadurch entweiht und herabgezogen.«
    »Das sind ideale Träume! Und wissen Sie denn so sicher, ob ich glücklich
bin; ob nicht ich gerade ein Recht habe, alle Schmerzen der Indiana
mitzufühlen?«
    Stein sah ihr mit prüfendem Blick, den sie nicht vermied, in das
tränenfeuchte Auge:
    »Wohl, ich will glauben, dass Sie leiden; und bin gewiss, dass Sie wert sind,
solche Schmerzen zu ertragen!«
    »Nun, das klingt sonderbar,« entgegnete sie mit erzwungener Heiterkeit; »Sie
wünschen mir Kummer und Elend, so ernstaft, so von Herzen, wie die gewöhnliche
Welt Freude und Glück zu wünschen pflegt.«
    »Wenn ich einer Frau Schmerzen wünsche, wie sie Georges Sand die Indiana
fühlen lässt, heilige Schmerzen über die Entwürdigung des Weibes und ihre
modernste Knechtschaft - dann muss ich diese Frau sehr hoch stellen, und ihr
große Kraft und eine alles bezwingende Liebe zutrauen.«
    Wiederum trat eine längere Pause ein, die beiden gleich peinlich war. Sie
fühlte nur zu gut, dass die innerste Quelle ihrer Leiden entdeckt sei, und er
erkannte, dass es nicht in seiner Macht stehe, diese Schmerzen zu heilen. Sie
reichte ihm stumm und ohne Ziererei die Hand; es war ein geistiges Verständnis,
das diese edelen Naturen einander näher führte.
    »Es tut mir wirklich leid,« brach die Oburn das Schweigen, »dass uns das
Schicksal erst jetzt, kurz vor meiner Abreise zusammengeführt; wir hätten doch
manche gemütliche Stunde verplaudern können! Wie habe ich mich während der
ganzen Zeit meines hiesigen Aufenthalts nach einem echten, wahren Menschen
gesehnt! Diese Puppen und Zerrbilder, dies ganze Marionettenspiel einer
innerlich hohlen Gesellschaft, diese platten, indifferenten Gesichter, denen
eine Spur zurückzulassen der Gedanke und das Gefühl, der Schmerz und die Freude,
wie aus gerechtem Stolz verschmähn: das alles mattet mich innerlichst ab, und
lässt mich an der menschlichen Natur verzweifeln!«
    »Sie wollen Karlsbad wirklich so
