 Du immer vor mir
stehen, in dem schalen Marionettenspiel aufgeputzter Puppen mit dem Hauch des
Lebens und seiner Würde! Doch dass auch die Weiblichkeit, die sich selbst
behauptet, die nimmer herabsteigt zu unedlem Tun und Treiben, und dem Pariatum
trotzt, zu dem das Gesetz dieser Gesellschaft die Frau verurteilt - dass auch
diese Weiblichkeit der rohen Gewalt verfällt, und schmachvoller Misshandlung, dass
ein roher Wüstling Macht hat über eine Seele, deren Heiligtum ihm verschlossen
ist, deren unendlichen Reichtum er nicht ahnt - das empört mein Innerstes gegen
dies unverständige Gesetz der Welt, das solche Frevel zu heiligen Rechten, und
solche Tempelschänderei zu einem gottgefälligen Wandel stempelt!
    O wie viel wirst Du noch leiden müssen unter den Menschen, die Deines Wesens
Bedeutung nicht verstehen! Und ich, der ich sie verstehe, der ich wert bin sie
zu verstehen, der ich, beseligt von jeder neuen Offenbarung, auch aus dem
kleinsten Zug seine ganze Tiefe herausfühle; der ich Dich, wenn die
verständnisslose Kälte der Welt Dich eisig anhaucht, mit meinem Odem erwärmen,
mit meinen Pulsen beleben möchte - ich - kann nichts tun - als Dich fliehn!«
    Der Schmerz des Mannes musste groß sein: denn eine Flut schwerer Tränen
entstürzte seinen Augen; doch er schämte sich dieser Zeichen seiner Qual,
drückte noch einen innigen Kuss auf die Augenlieder seiner Geliebten, und
verschwand rasch.
    Sie selbst saß starr und unbeweglich, so lange sie noch die verhallenden
Tritte hören konnte. Dann bedeckte sie noch einige Minuten mit beiden Händen die
Augen - und erhob sich plötzlich mit entschiedener Willenskraft. Nur den
verstörten Zügen war es anzusehen, dass sie erst nach schwerem Kampf diesen Sieg
über ihr Gefühl errungen. Mit fester Haltung, das Haupt kühn und frei erhebend,
ging sie dann nach ihrer Wohnung, dem lieblichen Wiesentale.
    »Wieder einmal ein Schäferspiel gratis, ohne Entrèe, eine rührende Szene,«
ließ sich die kreischende Stimme des Grafen Reitzenstein vernehmen; »was sagen
Sie dazu, Baron? Irgend eine wohlmeinende Fee führt uns a tempo herbei, wenn von
dem Gott der Liebe eine Episode in Szene gesetzt wird. Doch zum Teufel, wer war
denn der Glückliche, der diesen Schäfer spielen und im Schatten dieses
Paradieses flott d'rauflos lieben konnte? Ein beneidenswertes Loos! Im Salon
dürfen wir armen Weltkinder die Liebe nur mit Glacéhandschuhen anfassen; hier in
Gottes freier Natur wird die Aktion lebhafter; es arrangirt sich alles
ungenirter, wie weiland im seligen Olympos. Doch wer mag der Kavalier gewesen
sein, der in diesem romantischen Irrgarten herumtaumelte, bis er seiner Dulcinea
an's Herz sank? Ich muss ihn schon irgendwo gesehen haben - es ist eins von jenen
Kupferstich-Gesichtern, die an den Läden zu hängen pflegen
