 aus Eigennutz diesem Streben entgegenzusetzen,
werden wir zu überzeugen wissen, dass gerade der Eigennutz sie bewegen soll, sich
ihm anzuschließen. Wir werden jener Blindheit den Staar stechen, welche glaubt,
ihren Besitzstand zu sichern, indem sie ihm durch feindliche Abwehr gegen die
Gleichberechtigung nur erbitterte Gegner schafft; wir werden sie besiegen jene
Blindheit des Besitzes, welche ihr Interesse zu wahren glaubt, indem sie sich
der Blindheit der Gewalt anschliesst und dienstbar macht. Wir werden sie
verbannen, jene Verstockteit des Egoismus, welche Alles behalten will, um
endlich Alles zu verlieren.««
    »»Nur ernsten redlichen Willen, aber keine Gewalt! Die Gewalt stürzt aus der
Luft, sobald sie nicht mehr umgangen werden kann; aber wer sie herabruft, ist
ein Frevler an der Vernunft und an der Menschheit. Welche einzelne Gestaltungen
ein friedlicher Kampf um die Besserung unserer Zustände uns noch bringen wird
und wie viel Geduldproben wir noch zu bestehen haben werden, das vermag kein
Mensch vorher zu bestimmen. Das aber präge man sich ein: es gibt keinen zweiten
Schritt ohne den ersten, es gibt keinen wahren Fortschritt ohne Überzeugung,
und die Früchte des gesellschaftlichen Fortschrittes haben keine Dauer ohne den
politischen!««
    »»Und wenn auch das Billigste als Verbrechen betrachtet wird, wir dürfen
dennoch die Geduld nicht verlieren; je mehr Hindernisse desto festeren Willen!
Ein schlechter Soldat im Kampf der Politik, der wegen eines Flintenschusses aus
der Festung die Belagerung aufgibt! Aber es war bis jetzt unser erster Fehler,
dass wir kämpften wie die Wilden: im Anlauf sind sie stürmisch, in Schlichen sind
sie tätig, aber in ehrlicher, offener Schlacht nehmen sie die Flucht, so bald
der erste Mann fällt.««
    Gustav hielt inne. Franz sagte: »Es beginnt schon wieder ruhiger in mir zu
werden - vielleicht wird mir das Loos: der erste Mann zu sein - welcher fällt.
Könnt' es die Sache der Armen fördern! - - Aber hier meine Hand, Bruder - ich
will die Geduld nicht verlieren!«
    Noch lange sprachen die Brüder zusammen und Franz stärkte die edle Seele an
der gestählteren und zuversichtlicheren des älteren Bruders.
 
                            III. Mutter und Tochter
 »Fester ist der Seelen Band als Eisen,
 Heiliger als Opfer ihre Glut.«
                                                                   Karl Haltaus.
Einige Tage nach Aureliens Ankunft saß Elisabet allein in ihrem Zimmer. Sie
warf wehmütige Blicke zum Fenster hinaus auf die abgemäheten Saatfelder, von
denen die Stoppeln öde und starr gleichsam zum Himmel in trostloser Eintönigkeit
aufklagten, dass man ihnen ihre goldenen Halme genommen, mit denen sie einst ein
wogendes Spiel aufführen konnten zur Ehre der Schöpfung. Auch drüben der Wald
begann sich schon zu färben, rote und gelbschillernde Stellen wurden darin
bemerkbar, wo vorher nur
