 ihm das Alles; aber er sagte es doch.
    »Bruder,« sagte Jener, »ich weiß wohl, dass Du unglücklich bist - aber noch,
als ich vor Jahresfrist hier von Dir Abschied nahm, versichertest Du mir:
Zuweilen habest Du doch Stunden, wo die Arbeit Deine Lust sei, Du strebtest
nicht über Dein Loos hinaus - und drück' es Dich auch ein Mal hart, nun so
erhebe Dich doch der Gedanke, dass Du all' Dein Streben Deinen Kameraden weihtest
und dass es Dich erhöbe, danach zu trachten, soviel, als Dir möglich sei, zur
Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen beizutragen. - Denkst Du nun
anders?«
    »Du hältst mir ein Bild meines Selbst vor, wie es einst war und wie es bald
ganz zertrümmert sein wird Ja! Ich bildete mir das ein! Was ich schrieb, sollte
die Augen einflussreicher Menschen, der Schriftsteller, der Bürger auf die Not
der Armen lenken - was ich tat, sollte, da ich anders nicht helfen konnte, die
Kameraden hier eines besseren Looses werter machen. Und so geschah es auch. Mit
einem von ihnen, Wilhelm, welcher fühlte und dachte wie ich, stiftete ich einen
Verein unter uns unverheirateten Arbeitern. Ich habe Dir einmal seine Statuten
mitgeteilt. Dadurch ward Vieles besser. Trunkenheit und Spiel verschwanden bei
den Jüngern. Dadurch, dass wir aus einer gemeinschaftlichen Kasse uns
unterstützten, wenn Einer in unverschuldete Not kam, so dass wir nicht nötig
hatten, uns unsere Arbeit von den Factoren vorausbezahlen zu lassen, büssten wir
weniger an unserm Verdienst ein. Wir redeten ein vernünftiges Wort zusammen,
sangen kräftige Lieder zu Trost und Erheiterung, lasen wohl auch hier und da ein
nützliches Buch zusammen - und so kam manches Gute. Das Alles ist nun hin! Wir
dürfen nicht mehr in unsrer besonderen Stube zusammenkommen, keine Lieder mehr
singen - Alles nicht mehr, was wir bisher getan - spielen und uns betrinken
aber - ja das dürfen wir!«
    Gustav bat erschrocken teilnehmend um weitere Erklärung. Franz wusste seine
Worte durch weiter Nichts zu ergänzen, als durch den außerordentlichen,
drohenden Befehl von diesem Morgen. Dann fuhr er fort:
    »Aber ist denn das etwa Alles? Unter diesem kleinen Haufen elender Arbeiter,
von deren Dasein die Klasse der bevorrechteten Menschen kaum mehr Notiz nimmt,
als von einem Ameisenbau - werden die seelenerschütterndsten Trauerspiele
aufführend gedichtet. Es gibt auch bei uns nicht nur äusserliches Elend und
körperliche Schmerzen - wir haben all' die andern auch in fürchterlicher Größe.
Ich bekam einst ein Schreiben von Ungenannten, das die Gleichheit aller Menschen
predigte, von unsern Rechten sprach den Reichen gegenüber und das endlich zum
Widerstand gegen sie alle Armen aufforderte - Wilhelm ward ein
