 dem, was man eigentlich Leben nennt. Dann beginnt
jenes Ringen des innern Menschen wider das Loos, zu dem der äußere Mensch durch
seine Geburt verdammt ist. Und wer nun frommer Sieger bleibt in solchen Kämpfen,
vielleicht der härtesten von allen, welche den Menschen beschieden sind, dessen
wartet dafür kein Wort der Anerkennung, kein Hauch der Bewunderung, kein
leuchtendes Ziel und kein ehrender Kranz - kaum dass von ihm die Welt sagt: er
tut seine Pflicht; sie sagt entweder: es ist so seine Bestimmung, was kann er
Anderes wollen? Oder sie spricht gar nicht von ihm - denn von dumpfen Maschinen,
die man sich nur zu einem bestimmten Gebrauch hält, pflegt man nicht zu
sprechen.
    Wer mochte diese Kämpfe ahnen, in welchen Franz täglich mit sich selber rang?
Wer diese Versuchungen, welche gleich der lernäischen Hydra, wenn er sich Sieger
wähnte, ihm immer wieder ein neues Haupt züngelnd und giftauchend
entgegenbäumten?
    Und jetzt rang er wieder.
    Er hatte sich jenseit des Grabens der Straße, auf welcher er ging, unter
einen Baum geworfen und starrte, die Hände krampfhaft vor seine Brust gedrückt,
vor sich nieder. Zwei große schwere Tränen rannen ungehemmt über seine bleichen
Wangen.
    »Da ist er ja!« rief plötzlich eine Stimme und ein Mann sprang rasch über
den Strassengraben hinweg und stand vor Franz.
    Der Wandrer glich ihm - und doch auch wieder nicht. Er war größer als Franz,
seine Haare waren von lichterem Braun, seine Augen hatten einen sanfteren und
milderen Glanz. Der Schnitt der Gesichter war gleich wie ihre Blässe und in den
Furchen Beider las man große geistige Kämpfe verzeichnet. Aber während man es
Franz ansah, dass eben jetzt diese Kämpfe am Heftigsten tobten, schienen sie bei
dem Andern überwunden und der Ausdruck eines ruhigen Schmerzes lagerte auf
seinem Antlitz, welches beinah etwas Heiliges und Verklärtes hatte. - Einem
fremden Beobachter wäre vielleicht noch aufgefallen, dass diese Beiden, die sich
bis auf den Unterschied der Jahre, denn Franz mochte um zehn Jahre weniger zählen
als Jener, so ähnlich sahen, in ihrer Kleidung um so unähnlicher erschienen.
Denn während Franz Beinkleider von grobem Tuch, eine geflickte und zerknitterte
Leinwandblouse und einen alten roten Shawl um den Hals unter den groben
Hemdkragen geschlungen trug, erschien jener in dem feinen, modernen und netten
Anzug eines Mannes von Welt.
    Aber die Bruderherzen schlugen in gleicher Liebe zu einander, gleichviel ob
unter feinen Stoffen, ob unter Lumpen.
    »Franz!«
    »Gustav!«
    So riefen sie sich gleichzeitig einander zu. Und sie schüttelten einander
die Hände und sahen sich an mit allen Freudenzeichen des Wiedersehens.
    »Du bist schneller wieder zurückgekommen, als ich dachte,« sagte Franz.
    »Waldow
