 reichen Leute leben könnten,
sobald sie nur den Mut dazu hätten und nicht von alten unseligen Vorurteilen
sich zurückhalten ließ, arbeitete dm nun Franz wieder entgegen und sagte, dass
auf gesetzlichem Wege mit Ruhe viel Mehr erreicht werden könne, als wenn man es
versuchen wollte, sich mit Gewalt gegen die hergebrachte Ordnung der Dinge
aufzulehnen.
    Am Tage vor dem Aufstand der Eisenbahnarbeiter hatte nun Franz ein zweites
anonymes Schreiben, durch einen unbekannten Knaben überbracht, erhalten, in
welchem ihm der fremde Schreiber anzeigte, dass die Eisenbahnarbeiter einen
ersten entscheidenden Schritt tun würden - ihre Arbeit einstellen, höheren Lohn
fordern und wenn man dies nicht bewillige, wieder zerstören würden, was man
bisher gebaut. Wenn die Fabrikarbeiter zu gleicher Zeit mutig genug wären, ihr
verhasstes Joch abzuschütteln, so sei vielleicht der Augenblick gekommen, wo die
neue Welterlösung sichtbar beginnen könne. Man würde sich dann vereinigen und
alle Arme auffordern, mit Teil zu nehmen an dem großen Kriegs- und Siegeszug
der Armen wider die Reichen.
    Dies Schreiben hatte Franz sogleich verbrannt, damit es nicht in unrechte
Hände falle, am Wenigsten in die Wilhelms, von dem er jetzt Alles fürchtete. Er
selbst hatte sich entschieden, aber traurig abgewendet von diesem Bilde
kommenden Elendes, welches das jetzige nicht lindern, sondern nur vermehren
könne.
    Als nun jetzt Wilhelm ihm vorwarf, dass er vielleicht nur um Paulinens willen
eine verwegene Tat scheue, so riss ihn diese Beschuldigung in ein tobendes Meer
innerer Zweifel und harter Seelenkämpfe wieder hinein. So roh und abscheulich
ihm auch Wilhelms Worte klangen, er war misstrauisch und streng gegen sich selbst
und prüfte sich genau, ob dennoch nicht in irgend einem kleinen Winkel seines
Herzens er einen Altar für Pauline wie für eine Heilige aufgerichtet habe, auf
dem er all' seine andern Gelübde und Schwüre opfere.
    Aber er fand sich ohne Schuld.
    Und wie er so ihrer dachte, da trat ihr Bild in aller mädchenhafter
Lieblichkeit vor ihn hin, da meinte er den innigen, liebenden Blick ihres Auges
zu sehen und den zärtlichen Händedruck der kleinen weichen Hand zu fühlen - und
da gellten ihm plötzlich wieder Wilhelms Worte in die Ohren: »wenn sie nun arm
wäre und Du reich, so könnte sie doch Dein werden! - Wie? Hättest Du nun nicht
Lust die Ordnung der Dinge umzukehren?«
    Sein ganzer Körper zitterte in unaussprechlichem Verlangen, sein Herz schlug
höher in brünstigem Sehnen.
    Was litten denn die Andern, dass sie wider die gesellschaftliche Ordnung
murrten? Hunger, Frost, niederbeugende Not und lästige Arbeit - aber er litt
Tausend Mal mehr!
    Ihm war jetzt, als habe an ihm allein sich die Gesellschaft versündigt, denn
sie nahm ihm die Geliebte!
    Dieses Gefühl, das er so rein und heilig in
