 denkt, unter dem sie das Kind geboren, welches nun wie ein Teil von
ihr selbst losgerissen worden und dem Grabe verfallen ist, während sie doch
unter den Tausend Dolchstichen, unter welchen ihr blutendes Herz zuckt, noch
beten kann: »Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen - sein Name werde
gepriesen.«
    In Amaliens Schmerze war das Gepräge dieser ehrwürdigen Heiligkeit
verdunkelt. Erst jetzt, als ihr das anvertraute Kleinod für immer entrissen war,
begann sie zu empfinden, welches Glück sie in demselben besessen, und es traf
sie als ein entsetzlicher Vorwurf ihres eigenen Innern, dass sie das Kind nicht
mit wahrer Mutterzärtlichkeit geliebt, weil es das Kind eines ungeliebten Vaters
war. Und so war denn ihr Schmerz eine anklagende Verzweiflung, denn sie sagte
sich selbst, dass ihr das Kind vielleicht nicht genommen worden wäre, wenn sie
ihm eine bessere, zärtlichere Mutter gewesen; ja, sie machte sich selbst den
Vorwurf, vielleicht auf eine leicht verletzte Gesundheitsregel nicht genug
geachtet zu haben und dadurch selbst sogar vielleicht mit Teil an der schnellen
und so unheilvollen Krankheit zu haben. So brachte ihr der Schmerz nicht den
heiligen, stärkenden Tau frommer Ergebung und Erhebung, sondern nur verwundende
Stacheln, welche sie sich selbst wie im grausenhaften Spiel wechselnd in ihr
blutendes Innere stieß und herausriss.
    Als sie jetzt in dieser Stimmung an dem kleinen Sarge stand, in welchem in
wenig Stunden ihr die schwarzen Träger auf immer ihr einziges Kind, ihr bestes
Besitztum forttragen würden, ging die Türe auf und ein junger Mann in der
grünen Uniform eines gemeinen Soldaten trat herein. Er war groß und schlank
gewachsen, hatte lichtbraunes, lockiges Haupthaar und langen Schnurrbart - ein
freundliches offenes Gesicht, das Munterkeit und Gutmütigkeit zeigte.
Erschrocken blieb er zwischen der Türe stehen, als er sah, dass er in die
Engelkammer eines verblichnen Kindes gekommen - dann ging er auf Amalien zu,
nahm ihre abgezehrte Hand, schüttelte sie treuherzig und sagte, indem eine helle
Träne auf seinen Schnurrbart rollte:
    »Das ist ein sehr trauriger Empfang, Frau Schwägerin! - Kennst Du mich denn
noch?« fügte er nach einer Weile hinzu, wo sie wortlos dagestanden und ihm
mechanisch ihre Hand überlassen hatte.
    »Ja, Bernhard,« sagte sie. »Es ist gut, dass Du mich nicht vergessen hast und
mit zu mir kommst, es ist gut - Du darfst doch wohl meiner Anna das letzte
Geleit mit geben?«
    »Ja, ich will's - sieht wie ein Engel aus, das arme Kind, sieht wahrlich dem
Vater ähnlich.« Der Eingetretene, der dies sprach, war Bernhard Talheim, der
jüngste der drei Brüder. Er war unter die Soldaten gegangen,
