 Verstehen Sie das nicht?
gibt es nicht auch für Sie Individuen bei denen es Ihnen unbegreiflich wohl oder
weh wird ohne dass Sie sich über das Warum Rechenschaft ablegen könnten? Nun
sehen Sie, er tut mir weh .... durch Nichts wenn Sie wollen .... d.h. durch
Alles.«
    »Ein edler Sinn, ein hohes Herz, ein reicher Geist müsste sich durch das
Gleichartige nicht abgestoßen sondern angezogen fühlen, Otbert, und sich hüten
flüchtige Launen als unüberwindliche in der Essenz des ganzen Organismus
wurzelnde Antipathie zu betrachten.«
    »Sibylle, glauben Sie nicht dass um jedes Geschaffne, heiße es Gestirn oder
Grashalm, Mücke oder Mensch, eine ihm und nur ihm angehörende Atmosphäre
schwebt, welche sich aus seiner Gesamt-Eigentümlichkeit entwickelt? Bei jeder
Pflanze, jedem Baum ist sie wahrzunehmen: die Einen üben gedeihlichen Einfluss
auf einander, die Andern schädlichen, gar vernichtenden. Die feine und reiche
Organisation des Menschen ist dieser Eigentümlichkeit aller Naturwesen nicht
enthoben. Im Gegenteil! die Uressenz seiner Individualität macht sich um so
stärker geltend je mehr diese ausgeprägt, je origineller sie geblieben ist - und
der Duft, der Äther, das Unfassbare und Unnennbare welches sich aus ihrer ganzen
leiblichen und geistigen Beschaffenheit entwickelt, übt auf andre Organismen
eine ebenso entschiedene Anziehungs- und Abstossungskraft, wie der Magnet nur das
Eisen, wie die Erde nur den Mond an sich zieht - wie das Glas springt wenn der
Ton aus dem Instrument gelockt wird der in ihm schlummert. Warum zieht der
Magnet nicht das Gold an? warum rollt nicht der Sirius um die Erde? warum
springt von funfzig Gläsern nur dies eine? - weil da der Zusammenhang in der
Uressenz fehlt.«
    »Das sind Phänomene über welche die Natur einen Zauberschleier wirft, den
die plumpe sinnliche Hand nicht heben kann, unterbrach ich ihn; allein der
Mensch kann mit dem Licht des Bewusstseins diesen dunkeln Gewalten Widerstand
leisten.«
    »Er kann es wenigstens versuchen, und er soll es - entgegnete Astrau. Aber
bei diesen Versuchen ereignen sich Phänomene andrer Art. Hier sehen Sie ein Paar
Eheleute, dort Mutter und Tochter, da zwei Brüder sich abarbeiten in dem
Bestreben zu einem zufriedenstellenden erträglichen Verhältnis zu gelangen. Wäre
ein Teil lasterhaft und der andre tugendhaft - der eine ein Spitzbube, der
Andere ein Ehrenmann: so erklärte sich die Unvereinbarkeit der Naturen. Aber
nein! es sind Beides brave Menschen, Beide geben sich redlich Mühe - doch
umsonst! sie reiben sich auf in unfruchtbaren Bestrebungen, fühlen sich
gedrückt, gehemmt, elend, oft ohne die Ursach zu wissen oder sich selbst
eingestehen zu wollen. Es kommt eine unwillkürliche Erstarrung über sie, eine
Lähmung ihrer edelsten und feinsten Fähigkeiten; und das
