 nur die Vollkommenheit besitzt Einheit, und widersteht demnach jeder
Wandlung und Auflösung denen unwiderruflich die Unvollkommenheit verfallen muss
.... weil sie Stückwerk ist.«
    Astrau sah mich traurig an während ich sprach, und traurig antwortete er:
    »Entzaubert zu werden nachdem man zuvor verzaubert gewesen ist - mag bitter
sein! doch tausendmal bitterer ist es mit diesem eiskalten nüchternen Blick
Bestimmung und Schicksal zu betrachten, und das Glück fallen zu lassen wie eine
Südfrucht, die verschmäht wird, weil sie unter unserm gemässigten, nicht unter
ihrem eigenen tropischen Himmel reifte. Diese Nichtachtung der irdischen
Zustände, Sibylle, mag die Wonne der Heiligen sein - aber sie ist die Qual des
Menschen! und wenn Sie denn doch so sehr heilig sind, so sein Sie es wenigstens
mit ganzem Herzen; so leben Sie ein von der Welt abgeschlossenes Leben voll
Meditation, Andacht und Barmherzigkeit; so widmen Sie sich ganz der Betrachtung
und Übung göttlicher Dinge, da Ihnen menschliche zu gering sind; so wenden Sie
sich überhaupt ganz und aufrichtig dem Schöpfer zu, und lassen Sie das Geschöpf
nicht in dem Wahn, als wären Sie zugänglich seiner Empfindungsweise und seiner
Sehnsucht; so trennen Sie sich von uns ab, Sibylle, und sagen Sie uns redlich:
»Ich habe mit euch Allen nichts zu tun und nichts zu teilen!« - - Denn wer Sie
zwischen uns sieht, beobachtet, wer Ihr phantastisches Dasein und die
Melancholie und Gleichgültigkeit Ihres Wesens bei einer solchen Schönheitsfülle
verfolgt - wer unter diesem schillernden Schleier Ihre hohe reine Natur erkannt
hat - dem erscheinen Sie wie von einem bösen Zauber befangen, und er möchte Ihnen
ein Wort zurufen, das denselben sprengte. Also sein Sie ganz ehrlich, Sibylle,
und sagen Sie uns - Ich liebe euch nicht und nie; ich liebe Gott.«
    »Aber Astrau! wer sagt Ihnen dass ich Gott liebe? entgegnete ich mit
traurigem Erstaunen. Ich sage Ihnen: ich liebe ihn nicht! Wer nicht der Liebe
für das Geschöpf fähig ist - das Meinesgleichen in Gefühl, Gedanke und Richtung
ist - das mich anspricht mit meinen Worten und Blicken, mit meinem Verlangen und
meiner Bedürftigkeit - das wechselsweise Mitglied, Teilnahme, Wolwollen,
Anregung in mir weckt - und dennoch trotz all dieser Anklänge und Harmonien
nicht den Ton trift auf den meine Seele gestimmt ist und der, Einmal berührt,
nicht wieder verhallt, sondern innerlich fortvibrirt wenn er auch nach Außen
nicht immer laut klingt - - wer nicht Schwung genug im Herzen hat um ein Wesen
seines Geschlechts zu umfassen, woher soll dem Glut und Macht kommen um sich an
ein höheres anzuranken und anzusaugen? Nein, Otbert! durch die Liebe zur Kreatur
übt sich der Mensch in der Liebe zum Schöpfer, denn in ihren
