 die Geschwister tot, die Mutter
abgestorben, und ehe ich den Bruder und in ihm den Gegenstand einer tiefen
innigen und ausschliesslichen Liebe verlor, hatte ich die fürchterliche Trennung
aushalten müssen, die mir um so grauenhafter erschien als ich sie für die
Grundursach seines Todes hielt. Die Vergänglichkeit des Lebens und des Glücks
war mir in der grellsten Gestalt entgegen getreten; aber die Unvergänglichkeit
der Gefühle schien mir ein Naturgesetz. So drücke ich mich jetzt aus um meine
damalige Empfindung wiederzugeben, über welche ich, wie sich von selbst
versteht, gar nicht reflectirte, die sich aber in dem Lebensplan offenbarte, den
ich mir für meine Zukunft machte: ich wusste dass ich die alleinige Erbin eines
großen Vermögens und Herrin der schönen Besitzung war auf der ich lebte. Ich
wollte nie unser Schloss Engelau verlassen, mich nie von meiner kranken Mutter
und von den Gräbern meiner Dahingeschiedenen trennen, ihr Andenken wollte ich
durch ein frommes woltätiges Leben ehren, gleichsam in ihrem Namen Gutes tun,
mich nicht verheiraten, und jung sterben nachdem ich meiner Mutter die Augen
zugedrückt. Ich nahm entschlossen den Schmerz zu meinem unwandelbaren Gefährten
an. Das Alles ist entsetzlich unreif und dümmlich, ich weiß es wohl! - aber es
ist doch seltsam dass das unreife Kind durch den Instinkt die Unwandelbarkeit der
Gefühle als die Würde des Daseins begreift, und dass die eine wie die andre dem
reifen Menschen verloren geht. Erfahrungen, o Erfahrungen! sie sind die
Entzauberer und wenn man mir spricht von der Weisheit die sie geben, so
schüttele ich trübe den Kopf und entgegne: Ja! aber um den Preis der Seligkeit!
denn Seligkeit ist Ruhe in einer ewigen Gewissheit - gleichviel in welcher, aber
in einer, heiße sie Liebe, heiße sie Andacht, heiße sie Unsterblichkeit, heiße
sie Fortschritt; - knüpfe sie sich an die Erde oder den Himmel, an Gott oder die
Menschen, an heilige Offenbarung oder ingeborne Überzeugung; - gebe sie uns
Kraft oder Geduld, Energie oder Resignation, Mut oder Frieden; - o gleichviel!
gleichviel! nur ruhen in einer ewigen Gewissheit .... nur glauben! denn allein
der Glaube gibt Ruhe und diese Ruhe ist Seligkeit.
    Also bei zehn Jahren glaubte ich an mich und richtete danach mein Leben ein.
Engelau umfing und beschloss für mich die Welt; ich wollte Alles lernen und
wissen, was sich auf Gegenstände und Menschen bezog die mich umgaben. Ich war
von einer fürchterlichen Wissbegier um auf den Grund der Dinge zu kommen. Durch
praktische Anschauung und wo möglich durch hülfreiche Tätigkeit machte ich mich
mit allen Vorkommenheiten des Landlebens vertraut. Ich verfolgte das Weizenkorn
von dem Punkt wo es in die Furche gestreut, bis zu dem wo es zu einem Backwerk
verbraucht wird. Auf
