 Endlich erhob er sich, trat zu mir
heran und bat um Almosen für die Armen seines Klosters. Ungeschickter Weise trug
ich nie Geld bei mir, und Gino, der bei meinen Excursionen mein Schatzmeister
war, lag mit der Gondel an der Piazzetta. Ich zog eine goldne Nadel mit einem
Knopf von Perlen und Türkisen aus dem Haar und gab sie ihm indem ich sagte:
    »Verkaufen Sie dies, mein Vater, geben Sie den Ertrag den Armen .... und
beten Sie für mich.«
    Er stand gebückt vor mir, beugte sich noch tiefer und fragte:
    »Sie sind jung, gesund und reich, Signora ... um was soll ich beten?«
    »Um Ruhe, mein Vater, und um Kraft.«
    »Dies ist das Allerwelts-Leid, Signora.«
    »Ja, mein Vater, aber es drückt den Einzelnen darum nicht minder schwer! Es
ist vielgestaltig und nimmt jede Form an .... daher sieht es für Jeden anders
aus, so wie auch Jedem die Versuchung in andrer Form naht.«
    »So jung .... und schon so nachdenkend!« sagte er.
    Es machte mich lächeln, dass ihn eine ganz oberflächliche Bemerkung frappirt
habe und ich fragte:
    »Glauben Sie denn dass man nur im Kloster und bei fünfzig Jahren die Kunst
des Nachdenkens üben könne?«
    »Ich glaubte nur dass man in der Welt andre Dinge zu tun habe, Signora, als
sich mit den Händen im Schoss hinzusetzen und den Gedanken im Kopf
nachzuhängen.«
    »Für die Männer ist das richtig, mein Vater; die verbrauchen ihr Leben! wir
.... müssen es verträumen oder vertändeln - und da ich für das Letztere nicht
die Gaben habe, so begnüge ich mich mit dem Ersteren.«
    »Aber unwillig?«
    »Nicht unwillig, mein Vater, nur traurig, sehr traurig wie Derjenige es sein
mag, der sich verschmachten fühlt vor Hunger weil er nichts zu essen bekommt als
Orangen - während er sich nach einem derben Stück Brot sehnt. Er ist nun aber
einmal auf Orangen angewiesen und muss mit ihnen leben und sterben, und noch gar
hören, dass Andre ihn sehr beneiden um die herrliche Kost.«
    »O Signora, das ist ein eingebildetes Leid! Derjenige den das Schicksal in
einen Orangengarten gestellt hat, kann auch über einen Bäckerladen befehlen.
Umgekehrt ist es nicht so leicht.«
    »Das ist so recht gesprochen wie Jemand dem ein wenig Reichtum, Jugend und
Unabhängigkeit über Alles geht .... weil er sie nicht besitzt!« rief ich mit
einiger Bitterkeit.
    »Ich weiß zu schätzen was ich besitze und was ich nicht besitze, Signora!
