
    Er wird mich sehen, aber ich! .... werde denn ich ihn nie sehen? sprach ich
gedankenvoll und beklommen zu mir selbst; und die unbestimmte traumhafte
Sehnsucht richtete sich nun bestimmt auf diesen Gegenstand. Schon diese
Bestimmtheit tat mir wohl. Mir war wie Einem, der nach langer Seereise endlich
einmal wieder festen Boden unter den Füßen fühlt; ich empfand nicht mehr das
ermüdende Schaukeln der Wogen; ich hatte Land gewonnen. Ich begann etwas
Bestimmtes und Begrenztes zu hoffen und zu wünschen: ich war fast glücklich!
    Ich ging Abends in die Fenice. Die Nachbarloge war leer, weitgeöfnet der
Vorhang. Wo konnte er nun sein? mein Blick schweifte gedankenlos über die Menge
dahin; was war sie mir? was war ich ihr? ein buntgefärbtes Nebelbild ohne Wesen,
ohne Wahrheit; eine vergängliche Erscheinung, die heute gefällt und morgen
vergessen ist. Dein Leben oder Tod .... Dein Glück oder Leid wiegt keines
Sandkorns Gewicht in dem Dasein dieser Menge - sprach ich zu mir. Ist denn
solche schauerliche Vereinzelung - Leben zu nennen? Leben ist Reflex des eignen
Seins im andern, Gegenseitigkeit, Wechselwirkung, Entwickelung. Wo das fehlt -
existiert man in einer Schattenwelt, und ihr ist der Tod vorzuziehen, der
wenigstens ungestörte Ruhe bringt. Aber mein Wesen im fremden Herzen gefasst und
getragen - das lebt, und lebt ewig; denn die Liebe zieht die Unsterblichkeit
groß.
    Am nächsten Tage ging ich in die Marcuskirche, nicht zur Messe, nur zum
Gebet. Bisweilen wurde mir unaussprechlich wohl in diesen ernsten, heiligen
Räumen, die sich seit langen Jahrhunderten feierlich über die geheimsten und
tiefsten Gedanken zahlloser Geschlechter und Generationen schweigend gewölbt
hatten. Wie beseelt von Allem was sie gehört und gesehen, kamen mir die
majestätischen Gestalten der zahllosen Mosaikbilder vor. Es tat mir wohl mit so
viel Tausenden vor mir und nach mir gemeinschaftlich in ihren Schoss mich zu
betten, und sie in das geheime Elend meines Lebens schauen zu lassen, welches
selten, selten! ein Mensch vor dem Andern enthüllt. Denn vor unsers Gleichen
schämen wir uns unsrer Sünden, unsrer Torheit, unsers Elends mehr, als vor
höheren Naturen. Unsers Gleichen kennen wir als schwach, und ach! die Schwäche
im Bewusstsein ihrer Unmacht wappnet sich mit Strenge und Härte gegen Andre. Die
höhere starke Natur, welche die Schwäche nur kennt, aber nicht teilt, ist
barmherzig. Hierin liegt die tröstende Macht der katholischen Beichte auf das
Gemüt. Aber gibt es denn Menschen, die so stark und so gut sind, dass wir uns
mit unserem Elend nie vor ihnen gedemütigt fühlen? -
    Tief in diese Gedanken versunken hatte mich ein Kapuziner nicht gestört, der
ganz in meiner Nähe sein Gebet verrichtete.
