 der ihn elend macht - o wie oft haben mich dann seine
Phantasien, seine Accorde - getröstet kann ich nicht sagen, aber beschwichtigt.
Von oben herab klangen sie, feierlich, fromm, tiefsinnig, klagend, unendlich
melancholisch, aber in glühende Andacht getaucht wie das Gebet eines Heiligen.
Ja, sprach ich dann zu mir selbst, das Leben ist ein Kerker, aber der Schlüssel
des Kerkers ist die Liebe! der sprengt die Pforte zur Freiheit, und das dürftige
abgesperrte Ich fliegt in ein ewiges und seliges Universum hinein. In dieser
himmlischen Freiheit lebt mein Onkel: er liebt Gott! - lebt Fidelis: er liebt
die Kunst! Ich aber verstehe nicht zu lieben, drum bin ich für alle Ewigkeit in
den Kerker gebannt.
    Den größten Teil der Nächte verbrachte ich in meiner Gondel. Bald fuhr ich
nur in den Kanälen und erfreute mich an dem feenhaften Anblick Venedigs im
Mondlicht, dessen mysteriöser Glanz die passendste Beleuchtung dieser
mysteriösen Existenz ist. Bald fuhr ich weiter in die Lagune hinaus, nach
verschiedenen Inseln, die ich besonders gern hatte - vorzugsweise nach Torcello
und zum Lido. Torcello war der Anfangspunkt der großen Stadt, des großen Staats
Venedig. Das was in jener Zeit der menschlichen Vergesellschaftung Kern und
Einheit gab: die Religion, in einem Monument, in einer Kirche ausgeprägt, fehlt
der kleinen verwilderten und vereinsamten Insel nicht. Der alte kleine
tausendjährige Dom hat Venedigs Höhe und Fall überdauert. In dörflicher
Verwahrlosung steht er auf einem grünen Wiesenplatz, und vielleicht zwei Dutzend
Häuschen von Gärtner- und Fischerleuten liegen ebenfalls dörflich zerstreut
zwischen Hecken, Gemüsegärten, Gebüschen und Rasenflecken. Diese Vegetation so
wenig gepflegt sie sein mochte, gedieh dennoch vortrefflich auf dem üppigen
Schlammboden, und erquickte mich durch Farben, Frische und Duft. Der Garten, der
am Morgen Benvenutas Tummelplatz war, ruhte mich in der Nacht aus. Es war so
etwas Friedliches, Idyllisches auf dieser kleinen Insel, das den einfachen
Bedürfnissen der menschlichen Natur entsprach. Dies schlichte Element tat mir
wohl! ich dachte dass Gott in seiner Schöpfung nicht Einmal sondern immer neu das
Paradies geschaffen hat: erstens in der Natur, zweitens im Kinde; und dass mir
ein Labetrunk aus diesen beiden heiligen Quellen gegönnt sei. Zu Zeiten konnte
mich das ganz heiter stimmen; aber es dauerte nicht lange, wie denn nichts bei
mir dauerte! reizbar um einen Eindruck zu empfangen, kraftlos um ihn
festzuhalten, so war ich! und daher war in meiner Seele nichts dauernd als
drängende Unruh - dies ächte und rechte Prinzip aller Taten des Fluchs, der
Torheit, des Unheils. - Wenn diese Unruh recht in mir stürmte, fuhr ich zum
Lido, der sich als ein Erdwall zwischen der Lagune und dem Meer aufwirft.
