 treiben, welche Gebilde Form
finden, wie die Intelligenz arbeitet, wie Leidenschaft und Wille ihre Kämpfe
haben, wie heimliche Vulkane und Erdbeben sich austoben, was sie zerstören,
befruchten, erzeugen - o Gott ja! das in Bildern vorüberziehen zu sehen ist mir
eine Wonne.«
    »Gnädige Frau, diese zersetzende Beobachtung macht nicht glücklich. Lassen
Sie doch Ihrer Jugend das Vorrecht derselben: heitern Genuss der Erscheinung wie
sie sich darbietet - ohne Kritik.«
    »Ich habe nun einmal nicht die Gabe der Besinnungslosigkeit!« unterbrach ich
ihn.
    »Leider! fuhr er fort; contemplativ und reflectirend wie Sie durch Natur,
Erziehung und Gewohnheit geworden sind, gönnen Sie dem Zweifel zu viel
Spielraum, und der macht so müde.«
    »Mit allen meinen Gefühlen habe ich Schiffbruch gelitten! rief ich bitter,
wie sollte ich nicht an Ihnen zweifeln!«
    »Die Macht des Gefühls haben Sie bis jetzt noch nicht gekannt, gnädige Frau;
vielleicht nur dessen Überfülle, wilde Ranken, doppelte Blüten; - das Alles muss
geknickt werden damit jene Platz finde.«
    Diese Worte ermutigten mich unsäglich. Ich wurde heiterer als ich je
gewesen. Paul fragte mich seinerseits ob Otberts Begleitung mir nicht lästig
sein würde. Ich versicherte das Gegenteil und fügte hinzu:
    »Es ist mir sehr lieb dass ich auf unsrer Yacht gastfreundliche Rücksichten
zu nehmen habe, denn wenn wir Beide allein sind, Paul, so sind doch alle
Rücksichten für mich.«
    »Nun, Astrau wird sie nicht missbrauchen, entgegnete Paul, es ist so leicht
und bequem mit ihm zu leben wie mit wenigen Männern, und es freut mich recht dass
Du Dein Vorurteil gegen ihn hast fahren lassen.«
    »Ich habe nie ein Vorurteil gegen ihn gehabt! versicherte ich; sein
Benehmen im Salon zwischen den Frauen gefiel mir nicht und gefällt mir noch jetzt
nicht. In der Intimität ist er jedoch weit angenehmer - das finde ich seitdem
ich ihn von dieser Seite kennen gelernt; allein Du wirst doch auch eingestehen
müssen, dass der Zauber des Genius ihn nicht umgibt.«
    »Ich glaube überhaupt nicht, liebe Sibylle, dass der Zauber des Genius sich
auf die persönliche Erscheinung eines Künstlers und Dichters erstreckt: aus
seinen Schöpfungen spricht er uns an. Große Künstler sind oft einsylbige,
unbeholfene, in sich versunkene, schweigsame, langweilige Leute - was geht uns
das an? wir haben nur mit ihren Kunstschöpfungen zu tun. Ich finde es eine
übertriebene Anfoderung dass sie noch ganz besonders liebenswürdig sich geberden
sollen! Die Liebenswürdigkeit erheischt wiederum ihr eigenes und ganz specielles
Genie. Indessen mag es Ausnahmen geben.«
    »Aber weshalb stellt man den Menschen in die Glorie welche dem Künstler
gebührt?«
    »Weil man unersättlich
