 Schwächen! Ich sah wohl dass recht viel und mitunter auch recht
Tüchtiges getan wurde; aber es wurde nichts Großes geleistet wie ich mir das
Große dachte: im gottbegnadeten Individuum als eine neue Sonne aufgehend zu der
die Menschheit betet. Ich sah mir die Liebe an zwischen den Menschen: hatte sie
Schwung, so brauchte sie ihre Flügel um bald zu entfliehen; - hatte sie keinen,
so blieb sie wie sie war, matt und lahm; - für junge Herzen war sie ein Rausch,
für alte ein Irrtum, eine Krankheit, ein Traum - zuweilen, aber ganz
ausnahmsweise! ein tiefer Ernst, der mit fürchterlichen Schmerzen, mit
trostlosen Erfahrungen, mit Märtyrerleiden erkauft werden musste. Ich sah mir den
Genius an zwischen den Menschen: auch an seinen vollkommensten Schöpfungen
haftete Staub; und Neid, Verleumdung, blinder Hass, Fetischdienst umschwirrten
und verdunkelten ihn - während nun gar der Träger des himmlischen Funkens ein
schwacher Sterblicher gleich uns Anderen war! - -
    Da weder die Tat, noch die Liebe, noch das Genie sich zu jener äterreinen
Höhe aufschwang, die so hoch ist, dass es unter ihr weder Aufgang noch Niedergang
gibt, weil sie Ruhe in der Einheit des ganzen Wesens gewährt: so musste ich
darauf gefasst sein in den untergeordneten Richtungen und Sphären des Seins noch
größeres Stückwerk, noch mehr Zersplitterung und Mangel an Zusammenhang zu
finden; - und ich fand sie! Es befremdete mich nicht. Wer Paläste
zusammenstürzen sieht erstaunt nicht wenn Hütten einfallen.
    Die Aufgabe meines Lebens wäre also gewesen: mich in der Mittelmässigkeit
zurecht zu finden, und sie in mir und in meinem Kreise bis zu dem ihr gegönnten
Grad von Vervollkommnung auszubilden. Dies ist überhaupt die ganz allgemeine
Aufgabe jedes Menschen, und wer schlecht und recht, warm und wahr, mit klarem
Kopf und redlichem Willen an ihr arbeitet, löst sie teilweise gewiss - wenn auch
mit blutender Hand und mit blutendem Herzen. Aber ich hatte mich viel zu tief in
ein phantastisches Traumdasein eingesponnen um jenes zu versuchen. Hätte Paul
mich aufgerüttelt und aufgeweckt, hätte er irgend etwas Bestimmtes, Schweres von
mir verlangt, so möchte ich zur Besinnung gekommen sein und mich ermannt haben.
Jetzt fühlte ich mich beständig wie in einer grauen Dämmerung, die man
verschlafen und verträumen müsse. Die Spiegelbilder meiner Träume waren dann
einzelne Handlungen, die ich unsinnig nennen muss, weil sie das Gleichgewicht
meiner Verhältnisse störten - wie meine kolossale Woltätigkeit und meine
Liebhaberei für Wasserfahrten im großen Styl das ganz natürlich mit sich
brachten. Für die Welt mit ihren Freuden und Genüssen war ich gleichgültig. Die
fürchterliche Oberflächlichkeit ihres Lobes, ihres Tadels, ihres Beifalls, ihres
Urteils überhaupt, widerte mich an.
    »Armer Graf! sagte ich einmal zu Otbert,
