 ihm Papier und Feder zu.
    »Also in dieser Weise soll ich die letzte Stunde unsers Zusammenseins
verbringen?« rief er.
    Ich sah ihn nur bittend an. Er setzte sich und schrieb was ich ihm
angedeutet hatte. Während er schrieb ging ich auf und nieder und überdachte
Alles was ich an Benvenuta sagen wollte. Im September sollte eine Reise nach
Italien und ein längerer Aufenthalt daselbst ihren Gedanken eine ganz andre
Richtung geben; und wie eine noch spätere Zeit sich gestalten würde, musste ich
äußern Fügungen und inneren Umgestaltungen überlassen. Nachdem ich mich
einigermaßen über Benvenuta beruhigt hatte, kehrte sich doch endlich meine
Teilnahme auf Wilderich. Er hatte den Brief vollendet, überschrieben und
gesiegelt, und saß unbeweglich am Schreibtisch die Arme fest über der Brust
verschlungen. Ich legte die Hand auf seine Schulter:
    »Dies ist Ihr erster Schritt ins wirkliche Leben, Wilderich, sagte ich; das
erste Glied der langen Kette genannt Enttäuschung aus der wir uns heraus oder
hinein - ich weiß nicht recht! - wickeln müssen. Das darf Sie nicht zu Boden
werfen, nicht einmal momentan. Ich weiß auch dass Sie es überwinden werden - aber
weil Sie doch einmal dahin kommen, so sei es lieber gleich. Werfen Sie mit einem
starken Entschluss die unnütze Last ab, schütteln Sie den Druck von der Brust und
die Wolke von der Stirn, und sein Sie tapfer.«
    »Wenn ich Ihrem Rat folgte, entgegnete er mit großem Ernst, so würde ich
mich nur als leichtsinnig nicht als tapfer zeigen, meine Gräfin. Vielleicht
gibt es Naturen von so merkwürdiger Spontaneität oder von so eiserner
Willenskraft dass sie auf der Stelle Herr ihrer selbst werden können. Ich kann es
nicht. Ich brauche Zeit um mich zu sammeln, zu fassen und zu trösten. Die Gaben
sind verschieden! Sie überwinden vielleicht in einer Minute wozu ich ein Jahr
brauche. Und dann sind mir auch die Ereignisse meines Lebens wichtig - mögen sie
Anderen noch so dürftig erscheinen! Ich will sie nicht gleichgültig bei Seite
schieben oder fallen lassen und zu etwas Anderem übergehen; sondern vielmehr bis
in den Kern hinein ihre Bitterkeit oder ihre Süße kosten und mein Wesen mit
ihnen nähren, damit sie in dessen Nerv, Blut und Kraft übergehen. Gefühle,
Begegnisse, Empfindungen die so zu sagen aus meinem Herzblut geboren sind, kann
ich nicht willkürlich von mir abschütteln wie eine Last die etwa meinen
Schultern aufgebürdet wird. Sie müssen sich in mir austoben bis zu ihrem Ziel,
und dieses ist nicht der Tod - denn sie hatten ein organisches Leben - sondern
eine Verklärung, eine Auferstehung, eine Befruchtung neuer Keime, ein
Fortschritt in der Wahrheit oder Selbsterkenntnis, ein frischer Aufschwung. So,
als eine organische Entwickelung, verstehe ich überhaupt
