 folglich weibisch, folglich erbärmlich, folglich konnte ich Paul
nicht wie ein höheres Wesen verehren: so lautete meine unerbittliche Logik. Da
ich nicht im Gefühl, sondern nur in Ideen und Phantasien lebte, welche stets
einen übertriebenen Maßstab an Menschen und Dinge legen, während nur das Gefühl
ihn rectificirt, so war ich ohne Schonung und ohne Zartheit, und suchte nicht
den Punkt zu vermeiden oder zu umgehen, der mir Pauls Schwäche im grellsten
Licht zeigte. Es ist unmöglich die intimen Verhältnisse der Ehe in ihrem
ununterbrochenen Zusammenhang und Kontact in Worte zu bringen die nicht plump
und nicht übertrieben klingen. Es finden Nüancen statt für die man Wahrnehmungen
doch keine Beschreibungen hat und Erkenntnisse die mit äußerlich unfassbaren
Übergängen in die Seele schlüpfen - und dann wieder Anomalien, die jeder
Erklärung widerstehen, und den Charakter als ein planlos zusammengewürfeltes
Modell von einem Menschen erscheinen lassen. Ich kann nur im Allgemeinen sagen,
dass ich mich benahm als habe ich es darauf abgesehen mein Leben mutwillig zu
verderben. Ich trieb Alles bis auf die äußerste Spitze, und da Nichts sich dort
halten kann, so erlebte ich eine Enttäuschung, einen Sturz von der Höhe nach dem
andern, und fand mich zwischen Ruinen sobald ich zur Besinnung kam.
    Wie einst Don Quixote auf Abenteuer aus der Epoche der Paladine - so zog ich
in die Welt um großen Menschen zu begegnen, und um im Leben der Völker, in den
Leistungen der Individuen, in den Bildern der Natur die absolute Vollkommenheit
und Schönheit zu finden, deren Ideal ich in meinem Kopf herumtrug. Ich suchte
Charactere, Zustände, Kunstschöpfungen, Seelen, die zugleich vollkommen
abgerundet wie Perlen und brillant facettirt wie Diamanten wären. Ich suchte
Stoff zu ununterbrochener Bewunderung - und fand ihn nur ausnahmsweise; Genüsse
die permanente Befriedigung bieten mögten - und fand sie nur in einzelnen
Momenten. Pausen der Leerheit, der Dürre, der Kälte traten bei mir ein, und zwar
schon in den Flitterwochen und während unsers Aufenthaltes in Paris - von denen
ich früher keine Vorstellung gehabt hatte. Ganz natürlich! ich lebte jetzt in
einer solchen Aufregung, dass sie mit Abspannung abwechseln musste, während in
meinem friedlichen Engelau kein Rausch und folglich keine Ernüchterung eintreten
konnte. Von den vierundzwanzig Stunden eines Tages verbrachte ich zwanzig in
fieberhaftem Wachen und vier in fieberhaftem Schlaf. Alle Sehenswürdigkeiten von
Paris, alle Schätze seiner überreichen und verschiedenartigen Museen wollte ich
gründlich kennen, beurteilen, verstehen lernen. Sachverständige mussten mich
begleiten, mir historische oder technische Erklärungen geben, mein ungeübtes
Auge auf Fehler oder Schönheiten aufmerksam machen. Mit derselben Gründlichkeit
wurden die Magazine der Modistinnen, der Juweliere, der Schneiderinnen, der
Schuh- und Handschuhmacher heimgesucht. Ich trieb einen unsinnigen Luxus, denn
ich hielt mich für unermesslich reich ohne zu
