 zu entfalten, Menschen welche in
der Lüge eine unwürdige Feigheit - in der Zersplitterung eine Schwäche sehen -
Menschen welche nicht handeln, nicht sprechen und nichts tun können, sobald
ihre Überzeugung sie nicht dazu auffodert, und welche sich nun darauf
angewiesen finden die Widersprüche zu lösen oder zu leiden, welche bei ihrem
Eintritt ins Leben aus jedem Verhältnis ihnen entgegen springen. Im Staat, in
der Kirche, in der Wissenschaft, in der Gesellschaft - all überall Parteien,
welche ihre Rechte, ihre Wahrheiten, ihre Ansichten und ihren Standpunkt in ein
System gebracht haben, das seiner Natur nach immer einseitig ist, folglich mit
Konsequenz durchgeführt eine gewisse starre Abgeschlossenheit erheischt, welche
Demjenigen schwer fällt, der Recht und Wahrheit überhaupt, und nicht vom
Standpunkt einer Partei sucht. Ein solcher Mensch war Wilderich: stolz, grade,
aufrichtig, vom allerempfindlichsten Ehrgefühl, unfähig in diesem Punkt
Koncessionen zu machen, und daher jeden Augenblick in seinem vielleicht
übertriebenen Begriff von Ehre tötlich verletzt.
    Er bekam einmal die Verlobungsanzeige seines Vetters mit einer
Banquierstochter, und geriet darüber in solche Trostlosigkeit, namentlich über
ihren großen Reichtum, dass ich ganz ernstaft ihn fragte ob er den Verstand
verloren habe um über ein so alltägliches Ereignis zu jammern.
    »Wenn sie arm wäre könnt' ich's verzeihen, entgegnete er, aber reich - sehen
Sie, das finde ich nichtswürdig.«
    »Sie sind unsinnig, Wilderich! Ähnliches geschieht täglich in England, denn
da ist die Aristokratie nicht bloß stolz und würdig, sondern auch klug und
praktisch, und versteht es frisches Blut und frisches Geld sich zu assimiliren.
Dadurch ist sie ein immergrüner Baum. Der deutsche Adel aber - von einer
Aristokratie dürfen wir Norddeutschen schon gar nicht sprechen! - hat es nicht
verstanden den Zufluss jener Lebenselemente sich offen zu erhalten; drum stirbt
er ab.«
    »Da sei Gott vor! rief Wilderich. Dann ginge ja die Ehre verloren! - Was
fragt der Büreaukrat, der Industrielle, der Speculant, der Gelehrte - nach der
Ehre! Nach ihrer persönlichen Ehre, oder dass ihnen die gebührenden Ehren
widerfahren - o ja! danach fragen sie sehr! Aber die Ehre des Standes, der
Genossenschaft kümmert sie nicht, denn sie haben keine Genossen, sie sind nicht
von einer gemeinsamen Idee beseelt, von der Idee: die Besten sein zu müssen weil
sie die Ersten sind. Sie sind nur durch ihr Interesse zusammengehalten, sei es
für ihre Karriere oder ihren Geldbeutel, und ein solches Interesse ist nur
äusserlicher Art. Jeder vertritt seine Person, seine Meinung, seine Stellung, und
was ihn zuweilen zur Gemeinsamkeit schaart ist - Opposition gegen uns! das ist
jedoch kein Lebensprincip. Wir aber vertreten die Idee der Ehre, und Individuen
