, ohne Kraft, ohne
Basis, ohne Ziel - ohne irgend einen der großen Gedanken für welche es der Mühe
lohnt zu leben oder zu sterben - o die eben ist es welche mir an der Seele nagt
und nicht für mich, sondern für uns Alle mich martert.«
    »Die Krankheit hat Sie ermattet, sagte ich. In Ihrem Alter muss man
Zuversicht haben, Wilderich, denn ein halbes Jahrhundert der Wirksamkeit liegt
vor Ihnen und wie wollen Sie derselben gewachsen sein, wenn Sie nicht daran
gehen mit Zuversicht auf regenerirende Elemente! Die rückkehrende Gesundheit
wird Ihnen das schöne Vorrecht der Jugend: die ewige Hoffnung - - wiederbringen.
Ich begehre nicht dass Sie eine herrschende Mode mitmachen, und unsre
Weltzustände rosenrot gefärbt betrachten sollen! aber Sie sollen nur nicht
schwarz sehen wo höchstens ein sanftes Grau ist. Grau, lieber Wilderich, ist
immer das Chaos - und über dem Chaos schwebt immer der Geist Gottes.«
    »Glauben Sie das wirklich?«
    »Die Geschichte lehrt es.«
    »Eine Lehre welche unser Herz oder unsre Erfahrung nicht bestätigen - ist
für uns tot. Deshalb frage ich ob Sie aus Ihrer Seele oder nur nach Büchern
sprechen.«
    »Und wenn ich sagte: nicht aus meiner Seele!«
    »So würden Ihre Worte eben nur tote Worte sein - wie fast alle sind die
heutzutag gelehrt werden.«
    »Da mögen Sie Recht haben! sagte ich immer mehr und mehr erstaunt. Aber was
sind Sie für ein trauriger ernsthafter Mensch!«
    »Ich bin's! denn in mir ist ein Chaos und ich weiß nicht ob der Geist Gottes
darüber schwebt.«
    »Kind! Kind! rief ich, Sie tun mir weh!«
    »Sie sehen wohl, gnädige Gräfin, dass man auch um einen Sohn Sorgen haben
könne,« sagte er.
    Auf dies erste Gespräch folgten viele derselben Art. Er hatte eine von
inneren Kämpfen ganz zerarbeitete Seele. Ich kam zu der Überzeugung dass seine
Krankheit eine große Woltat für ihn gewesen sei indem sie den Geist in Schlaf
gelullt. Der Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen, zwischen Altem und Neuem,
zwischen Vergangenheit und Zukunft, welcher in unsrer Gegenwart keine
befriedigende Lösung gefunden, hatte sich auch in ihm noch nicht zur Versöhnung
durchgebildet. Er war ja noch nichts als ein deutscher Student! Er kannte noch
nichts als seine Familie und die Schule; und was jene gepflanzt, hatte diese
entweder zerstört oder in Frage gestellt. Jeder hohe Grad von Zivilisation
bringt eine solche Komplication der Verhältnisse mit sich, dass die Einheit des
Characters, die Übereinstimmung zwischen Gesinnung, Wort und Tat, fast eine
Anomalie genannt werden dürfte. Nun gibt es aber Menschen welche das Bedürfnis
empfinden zur Aufrichtigkeit und Einheit sich
