 und
hingegen Mutter einer zahlreichen Familie wären! Ich habe vier Brüder: die
beiden jüngsten sind schöne, prächtig aufgeweckte Kinder, die sich schon ihr
Fortkommen in der Welt erringen werden. Aber die beiden andern sind arme
unfähige Knaben. Was soll aus ihnen werden? In welcher Weise sollen sie es
möglich machen ihren Stand, ihren Namen zu vertreten, da ihnen jedes Mittel dazu
versagt blieb? Wären sie die Söhne einer unbemittelten bürgerlichen Familie, so
wäre ihre Unfähigkeit ein stilles Unglück das eben nicht über die vier Wände
ihres Hauses hinaus reichte; sie könnten ein leichtes Handwerk lernen, sich ihr
Brot erwerben und Keinem zur Last fallen. Bei uns ist das anders! uns wird
solche ein Unglück zur Schmach und zum Vorwurf gemacht! Da heißt es hier:
»nichts als Dummköpfe sind diese Hochgebornen!« - da heißt es dort: »Wie diese
sogenannt Vornehmen degeneriren und nichts als Blöd- und Schwachsinnige
erzeugen, welche dennoch mit uns in die Schranken treten und sich gar über uns
erheben wollen!« - Dieser Hohn ist schwer zu ertragen, gnädige Gräfin. Der
Reichtum ist ein Bollwerk gegen ihn. Sie werden das nicht glauben, weil Sie
nicht solche gemeine Brut gekannt haben; aber ich weiß es: sie hat Respekt vor
Demjenigen, den sie beneidet.«
    Wilderich schwieg ganz erschöpft und ich ganz erstaunt. Dies war unser
erstes längeres Gespräch und ohne meine Absicht hatte es eine Wendung genommen
die ihn so schmerzlich ergriff. Dies war eine neue Phase des Leides welches
durch unsre Welt geht! Nach einer Pause rief Wilderich:
    »O wie tausendmal hab' ich gewünscht lieber ein Taglöhner zu Wildeshausen zu
sein, der unter körperlichen Anstrengungen sein Schwarzbrot gewinnt, als der
Graf von Wildeshausen, dem es obliegt als Herr, als Haupt einer Familie für
seine Untergebenen und seine Verwandten zu sorgen und dem dazu die Mittel
fehlen!«
    »Mein armer Wilderich, was sind das für unzeitgemässe Gedanken: für etwas
Anderes sorgen zu wollen als für sich selbst!« entgegnete ich, die traurige
Wahrheit hinter einem scherzhaften Ton verbergend um ihn von seiner Verstimmung
abzulenken. Aber heftig und traurig fuhr er fort:
    »Die Isolirung durch den Egoismus .... diese anti-aristokratische Richtung
unsrer Zeit, welche das Individuum ohne positive Religion, ohne Liebe zur
Heimat, ohne Anhänglichkeit an die Familie, ohne Respekt vor Tradition, ohne
Gefühl für die Untergebenen, in den grauen Wust einer communistischen
Menschenverbrüderung hinausstösst - durch philosophische Spekulation dermaßen die
Tatkräftigkeit abschwächt, dass wir der Praxis einer schlichten Lebensweisheit
ich weiß nicht was für eine fade spitzfindige Theorie von Fortschritt, von
Freiheit vorziehen, welche uns aber nicht fördert, nicht befreit - diese
fürchterliche Vereinsamung des Menschen, ohne Gott, ohne Herz
