 nahm ich sogleich
für mich in Besitz. Das vierte Zimmer bestimmte ich für Benvenuta, wenn sie in
den Schulferien mich besuchen würde.
    Wie immer ging es mir Anfangs wohl, denn ich genoss mit vollen Zügen den
Zauber der Hochgebirgsnatur - - aber nicht wie auf der Reise, sondern in einer
selbstgewählten Heimat. Das war mir neu! eine Eigentumsstätte hatte ich in
fremden Landen nie gehabt. Es würde mir vorgekommen sein als nähme ich Besitz
von einer neuen Welt im Kleinen, wenn ich die Frage hätte beschwichtigen können,
welche sich vorwitzig aus meiner Selbstkenntniss mir entgegendrängte: Wie lange
wird der Reiz währen? wann wird er abgestumpft sein? Das störte meinen Genuss.
Übrigens gab ich mich lediglich meinen Gedanken und den Einflüssen und
Eindrücken der Natur hin. Ich hatte so viel gelesen und so wenig Befriedigung
davon gehabt, dass Bücher mich angähnten; ich verdankte das meiner eingewurzelten
Torheit: statt in ihnen die relative Wahrheit zu suchen und mir aus derselben
einen Nahrungsschatz für eigene Meditationen zu sammeln, hatte ich nach der
absoluten in ihnen geforscht und sie mutlos fallen lassen, als ich dieselbe
nicht fand, nicht finden konnte. Immer wusste ich hinterher sehr genau was ich
hätte tun, was meiden sollen, und meine ganze Erkenntnis bestand darin, dass ich
mit immer klarerem Blick die Summe meiner Irrtümer überschaute, ohne ein
einziges versöhnendes Resultat erspähen zu können. Durstend wie Keiner hatte ich
mich in das Leben geworfen um mich an dessen Bächen und Quellen, Meeren und
Strömen satt zu trinken. Durstend wie Keiner sah ich es um mich herum rinnen und
verrinnen .... wie Wasser, das man mit der hohlen Hand schöpft und das zwischen
den Fingern hindurchfliesst, bevor es die lechzenden Lippen erfrischt hat. Aber
wo gab es denn noch zu schöpfen? zu welchem Brunnen konnte ich noch pilgern? -
Die Einsamkeit, die Natur, die Dürftigkeit der Verhältnisse die mich umgaben und
mich zu wolwollender Teilnahme auffoderten - sollten sie meiner Seele ihr
Genügen bereiten? - - - Die Einsamkeit ist gut und notwendig für mächtige
Naturen die zum Bewusstsein über sich selbst, über ihr Ziel und ihre Mittel
kommen wollen und einer erhabenen Bestimmung entgegen gehen. Sie ist der
Koncentrirung aller Gedanken auf einen Gegenstand günstig, und ist dieser ein
großer, ein würdiger, so kann sie die ganze Seele unauslöschlich für ihn in
Flammen setzen, die dann ausbrechen, wenn sie genug Nahrung gesammelt haben und
der staunenden Welt ein neues Licht zum Himmel hinauf oder über die Erde hinweg
anzünden. Aber für uns dürftige Menschen, die wir unser Ich zum Hauptgegenstand
unsrer Betrachtung machen, taugt die Einsamkeit nicht, eben weil sie die
Gedanken so concentrirt; sie macht uns sehr leicht egoistisch, einseitig und
fanatisch. Größe und Genie
