 weder meinem Genius, noch meinem Herzen, noch meinem Charakter ihre volle
Entwickelung gegönnt, wenn sie ihnen auch zuweilen Flügel gegeben hat. Es ist
umsonst die Vergangenheit zu durchwühlen und zu sagen: Dies hättest du als
Jüngling - jenes als Mann tun oder nicht tun sollen. Es ist getan. Erkenntnis
reift durch die Tat als bittere Frucht heran. Ich kann innerlich nicht frei
sein, so mag ich es auch äußerlich nicht sein - denn ein Magnet, der stärker ist
als Vernunft und Wille zieht mich in der Freiheit allewig an - - und zu Ihnen.
Ich widerstehe ein Jahr, ein Paar Jahr .... länger nicht. Wozu das aber? Sie
lieben mich nicht; Sie werden höchstens einmal wünschen mich wiederzusehen um
mir ein Wort des Trostes zu sagen - oder der Vergebung, oder des Mitleids -
lauter Dinge vor denen ich zurückschaudere, weil sie mich so fürchterlich an
meine Schwäche mahnen. Mich in der Welt herum zu schleppen mit diesem Dorn in
der Seele wie bisher, vermag ich länger nicht. Das Gebet meiner armen Mutter
wird im vollsten Umfang Erhörung finden: ich bin auf dem Punkt das Ordenskleid
der Benedictiner zu Kloster Lilienfeld zu nehmen. Meine Mutter lebt noch immer -
nur um zu beten. Mein Entschluss hat sie beseligt und ich denke sie wird nun bald
ihre irdische Laufbahn vollendet haben. Leben Sie wohl, Sibylle! sollten Sie
meiner gedenken, so sei es in Milde. Hätte ich mich meinen Jugendträumen
zufolge, die in tiefer Übereinstimmung mit meinen natürlichen Gaben waren,
einzig der Kunst gewidmet, so möchte Großes aus mir geworden sein statt des
jetzigen Stückwerks. Der Mensch entwickelt sich durch und um die Idee, die
seiner Individualität zum Grunde liegt; bleibt er derselben treu, so hat er
Freiheit, Macht, Mut, Energie, Alles was dazu dienen kann sie hervorzutreiben
und auszubilden. Sie begehrt, braucht und verzehrt das Alles, und entfaltet sich
dann zur höchsten Kraft und Schönheit in ihm, weil sie sich von den reinsten und
besten Elementen seines Wesens nährt. Wird er aber seiner Idee untreu: so wird
er schwach, abhängig von Zufälligkeiten, zwiespältig mit sich selbst; - und das
ist mir geschehen. Aus Bruchstücken kann nichts Ganzes mehr werden! sie müssen
bei Seite gebracht werden - und das tue ich mit mir selbst. Verzeihen Sie mir
diese lange Auseinandersetzung, ich hielt sie für nötig damit Ihre rastlosen
Gedanken über mich zur Ruhe kommen könnten. Sibylle .... Gott segne Sie.«
    Ich stand auf nachdem ich diesen Brief gelesen und sagte gelassen und ganz
laut: Ja ja! der Mensch wird fertig mit seinen Qualen und seinen Wonnen! und was
nach dem Zersetzungsprocess seines Wesens durch die Leidenschaft noch übrig
