 durch die Vernunft das
Schöpfungswort der Welt, die Grundursach der Dinge erfasst zu haben - dennoch,
mein Vater, dennoch geht eine Geisterstimme über den majestätischen Wust unsrer
Weltweisheit dahin und fragt ebenso heimlich als vernehmlich: Warum? Weshalb?
Wohin? - Aber die Zwillingsstimme welche ihr sonst antwortete: Glaube, hoffe,
liebe! ist übertäubt und verstummt durch die Lehren der Weltweisheit, welche
doch für jene Fragen keine genügende Antwort haben. Und so hallt wie ein
Klageruf voll unendlichem Weh jene Geisterstimme fort und fort, und unsre Hymnen
an das Licht und an die Freiheit gellen unter ihr dahin. O mein Vater! die Erde
war immer dunkel; - aber da wo an unserm Gesichtskreis der Himmel sie zu
berühren scheint, schwebte sonst ein Genius im silbernen Gewande, mit goldnen
Flügeln, mit einer Sonnenglorie ums Haupt, und bei seinen leisen Schwingungen
quoll solch ein Strom von Glanz herab, dass die Erde davon verklärt wurde. Der
Glaube war's. Nun heißt's ein Popanz sei es gewesen und Eure Priester hätten ihn
aufgestellt. Das ist nicht wahr! was sie Popanz nennen ist nur ein Spiegelbild
der höchsten und allmächtigsten Sehnsucht in jeder Menschenbrust, und haben Eure
Priester verstanden diesen Wiederschein in eine himmlische Form zu gestalten: so
waren sie es wert Führer und Lehrer langer Generationen zu sein.«
    »Wenn Du jetzt dies Vertrauen zu unsrer heiligen Kirche hast, warum trittst
Du nicht in ihre Gemeinschaft? - Welche Befriedigung kannst Du in der Deinen
finden?«
    »O nicht die geringste, mein Vater! der Protestantismus ist in meinen Augen
keine Kirche, sondern das reflectirende, opponirende, kritisirende Element,
welches scharfe Wache neben der Katolischen Kirche hält. Deren immanente
religiöse Lebenskraft fehlt ihm gänzlich. Er lebt von der ewig regen und
tätigen Verstandesrichtung im Menschen, und wird in dieser immer fortbestehen.
Eine Kirche auf ein unantastbares durch fast zwei Jahrtausende unbewegtes Dogma
gegründet, bildet er nicht! höchstens Kapellen stiften seine zahllosen Secten!
die Einheit fehlt ihm, dies Symbol der Göttlichkeit! das Gehirn des Menschen ist
seine Basis; die der Katolischen Kirche ist das Herz. Aber ich, mein Vater, im
Protestantismus geboren, in einer protestirenden Zeit zum Bewusstsein gekommen,
ich habe eben nur die Fähigkeiten zu denen er den Impuls gibt: ich begreife
Eure Kirche, ich knie vor ihr - allein .... ich glaube nicht an sie.«
    Damit war Alles gesagt und mein Übertritt unmöglich. Das sah mein Onkel
auch klar ein. Er beklagte mich aufrichtig, doch ohne die geringste Beimischung
von Verachtung oder Selbstüberhebung. Er hielt sich mir gegenüber als Katholik
keinesweges für besser; nur für glücklicher. Und so betrachtete ich ihn auch,
aber so veredelt durch inneres
