 bestimmten Gegenstand zu richten.
Missachtet hatte ich immer das Tun und Treiben der Menschen; das war übel! -
jetzt verachtete ich mich; das ist am schlimmsten! Vielleicht war das die
Eisscholle die mir auf dem Herzen drückte und in dessen Wunden immer scharf und
frisch hineinschnitt. Ich kann nicht sagen, dass ich Fidelis verachtet hätte;
aber ich bemitleidete ihn. Ich hatte den Sohn der Sterne zum Sohn des Staubes
gemacht! ich konnt' es ihm nicht vergeben, dass er nicht stärker gewesen, dass er
für und durch mich aus seiner Glorie herausgetreten war, zu der ich aufgeschaut
hatte mein Lebenlang mit der einzigen wahren Andacht meiner Seele. Und
andrerseits konnt' ich ihm nicht vergeben dass ich ihn verloren hatte, dass sein
belebender, geist- und seelenvoller Umgang, dass die Nähe eines zuverlässigen,
rücksichtslos ergebenen Freundes mir fehlte - dass ich ihn in meinem an
Entbehrungen über reichen Leben auch noch entbehren musste. Ich hatte nun gar
nichts mehr; denn ich besaß nicht einmal das, was alle Menschen in ihr späteres
Leben mitnehmen: Erinnerungen. Sie waren tot oder welk, und mir fehlte die Gabe
sie lebendig zu machen und meine arme Gegenwart mit ihnen zu schmücken.
    War es eine Wiederkehr physischer, oder ein Zusammenraffen geistiger Kraft -
genug, plötzlich überfiel mich die Angst ich könne in den nervosen Marasmus
meiner armen Mutter versinken und mein Kind derselben innern Entwickelung oder
Verwahrlosung - wie soll ich sie nennen! - Preis geben, die ich bei mir selbst
für so schädlich erkannt hatte. Die Ärzte rieten mir überdas Veränderung der
Luft und Umgebung, und ich fühlte mich durch diese acht Jahr eines
ununterbrochenen Aufenthaltes in Engelau so ausgesogen, so zusammengeschrumpft,
dass mir wie einem Kranken im abgesperrten Zimmer die Lebensluft ausging.
Gespenster, Gespenster wohin ich blickte! Gespenster meiner Menschen, meiner
Hoffnungen, meiner Taten, meiner Gefühle! Gespenster von Epochen, Tagen,
Stunden, an diese Räume, an diese Localitäten gebannt, äußerlich mich
umzingelnd, die innere Öde nicht füllend. Ich wollte fort um etwas Andres zu
sehen als diese Gespenster und um den Kindern etwas Andres zu zeigen als die
melancholische kränkliche Mutter. Ich wollte fort um meine Geschäfte welche sich
in diesen zwei Jahren durch Otberts wahnsinnige Verschwendung und meine
Untüchtigkeit bedenklich verschlechtert hatten, zu ordnen. Ich selbst konnte es
nicht. Ich übertrug also die Verwaltung meines Vermögens einer Vormundschaft von
redlichen und verständigen Männern, welche das Recht meiner Tochter
hauptsächlich gegen Otberts Foderungen verteidigen sollten. Übrigens teilte
ich mein Einkommen nach wie vor mit ihm, und so trat ich meine Reise zu meinem
Onkel dem Bischof an. - Sie tat mir wohl, die Bewegung, der Wechsel, die
freudige Neugier der Kinder zerstreuten mich; der herzliche Empfang
