 gehört?«
    »Ja, meine Mutter, und es hat mich stark gemacht! Du willst mein Heil ....
lass es mich finden auf meinem Wege.«
    In diesem Sinn hatten wir ein langes Gespräch, das uns Beide heftig
erschütterte ohne den einen Teil zur Überzeugung des Andern hinüber zu ziehen.
Ihre schwärmerische Seele war eine Opferflamme: und um so heißer wallte sie
empor, als sie Busse dafür tat, dass der Altar ihres Herzens nicht immer dem
Höchsten geweiht gewesen war. Die klösterliche Abgeschiedenheit, ihre Einsamkeit
mit traurigen Erinnerungen voll Reue und Leid, das ewig wache Liebesbedürfniss
einer zärtlichen Seele, das heiße Verlangen zur innersten Versöhnung mit Gott
und ihrem Gewissen zu gelangen, das eben so heiße ihr Kind gerettet zu sehen vor
den, wie es ihr schien, unwiderstehlichen Verlockungen - dies Alles ungestört
durch lange Jahre mit Tränen, Gebeten, Buss- und Andachtsübungen genährt, hatte
meine Mutter in jene tiefe religiöse Schwärmerei versetzt, in welcher Wesen wie
sie vielleicht einzig und allein ihre Befriedigung finden können, weil sie zu
schwach für den Kampf mit der Versuchung - und zu rein sind um ihr ohne
Verzweiflung zu unterliegen. Für solche Wesen ist mit tiefsinniger Kenntnis des
Menschenherzens die Freistatt des Klosters geöfnet, und diese Kenntnis ist es
eben, welche unsrer Kirche den Stempel einer ganz göttlichen Liebe aufprägt,
denn man kann den Menschen nicht kennen wenn man ihn trotz seiner Sünden, seiner
Fehler, seiner Schwächen nicht liebt. Ihre Kirche, Sibylle, belehrt den
Menschen, die unsre liebt ihn. Ihre Kirche stellt ihn auf seine Füße, gibt ihm
die Bibel die Tausende nicht lesen und Zehntausende nicht verstehen, und
spricht: nun mache deinen Weg. Die unsre behält ihn an der Hand sorgsam warnend
und beschirmend, tröstend und erquickend, durch das Bewusstsein der Gemeinschaft
ihn rettend von dem trostlosen Verzagen, das für Manchen aus dem Gefühl seiner
Vereinzelung und Nichtigkeit quillt. - - Aber eben weil jenes Bewusstsein damals
so lebendig in mir war, konnte ich mich nicht auf den Standpunkt meiner Mutter
stellen. Mir war die Welt ein Tempel, und rein aber frei und ohne Priesteramt
wollte ich in ihm dienen.
    »Fidelis! sagte meine Mutter, unsre erste Liebe ist Gott und unsre letzte
Liebe ist auch Gott - allein .... die Liebe für die Götzen liegt zwischen
beiden. Ich hatte mich früh dem Herrn gewidmet, war im Kloster erzogen und
wollte den Schleier nehmen. Da riefen mich weltliche Feste ins Haus meiner
Eltern. Den Vater ängstigte mein früher Entschluss; ob er wolüberlegt sei sollte
sich erproben bei den Freuden und Feierlichkeiten, die zur Vermälung meiner
beiden Brüder statt fanden. Dieser Glanz, dieser Jubel, dieser Reichtum, diese
Schönheit, diese Welterrlichkeit
