 ich diese Erscheinung in ihm bewirkte - dessen entsinne ich
mich, weil kein Weib dergleichen vergisst sobald dies den Mann betrifft den man
zuerst geliebt - oder zu lieben gewähnt hat. Also liebte ich Paul? - Ja, was ist
die Liebe? man kann von ihr alles Gute und alles Böse sagen, und es wird ganz
wahr und ganz passend sein, und sich nicht bloß nach einander oder in
verschiedenen Individuen, sondern zu gleicher Zeit und in demselben Menschen
nachweisen lassen. Sie ist zugleich der bewusstlose Trieb, der das Individuum zur
Vervollständigung seiner animalischen Bestimmung drängt und der erhabene
Schwung, welcher den Märtyrerschritt und den Todesgang zwischen allen
Verlockungen, Reizen und Bedrohungen der Sünde gibt. Sie ist die schwüle
brodelnde Glut welche das Mark aus den Knochen, die Gedanken aus dem Hirn, den
Atem von den Lippen, das Herz aus dem Busen aufsaugt, und die leichte
zauberische Flamme welche die Gestalt in Schönheit, das Gehirn in Schöpferkraft,
das Herz in eine Glorie, das ganze Wesen in ein erneutes geistiges Dasein
taucht. Sie ist die Wiedergeburt und die Vernichtung des Menschen. Sie ist eine
Bachantin die ihn in mysteriöse Extasen der Wollust schleudert und ein
tiefsinniger Genius der ihn auf schneeweißen Flügeln in Regionen erhebt zu denen
sich die Sinnenwelt verhält wie das Sandkorn zu den Gestirnen. Sie führt ihn zu
Taten des Fluchs und zu Taten des Segens. Sie drückt ihm den Stempel der
Tierähnlichkeit und das Gepräge des göttlichen Ebenbildes auf die Stirn. Sie
schlägt ans Kreuz und reißt empor zur Himmelfahrt. Sie befleckt im Lasterpfuhl
und reinigt in einem Element gegen welches die klarsten Gebirgswasser und die
frischesten Frühlingslüfte unklar und dumpf sind. Sie macht elender als alles
andre Leid, und seliger als alles andre Glück. Sie macht stupid und gibt
Intuition. Sie ist so reich dass sie die Welt verschmäht und so bettelarm dass ein
Blick, ein Kuss sie wie mit Perlen und Demanten überrieselt. Sie ist allgenügsam
und unbefriedigbar, seelisch und sinnlich, frohlockend und klagend - und das
Alles in einem und demselben Herzen, am Morgen so und am Abend anders. Sie
bildet eine festverschlungene Kette von Gegensätzen, die augenblicklich
untereinander zu Widersprüchen werden, sobald nicht ein unerhört tapferes und
starkes Herz jedes einzelne Glied löst indem es dasselbe mit Geduld und Ausdauer
trägt. Nur eines übersprungen oder zerrissen, und die ganze Kette verwirrt sich!
Wo aber wäre ein Herz stark genug um sich stets im Gleichgewicht zwischen diesen
Stürmen und Schwankungen zu erhalten? von all dem Herumzerren und
Hinundherwerfen wird es müde, matt, schlaff, marklos - mit einem Wort: schwach!
- und dies Wort bricht den Stab über ihm: Schwäche macht elend. Der Starke ist
gut und glücklich, aber nur in einzelnen gnadenvollen Momenten ist der
