, nicht bloß die Eitelkeit!
als ich mich von ihm fesseln ließ. Diese Entdeckung gewährte mir einen großen
Trost. Es ist dem Menschen unendlich angenehm wider Erwarten in sich selbst
bessere Motive seiner Handlungen zu finden! Er ist niemals so versöhnlich als
wenn es gilt mit sich selbst sich zu versöhnen.
    Astrau war aber nicht immer und nie lange in muntrer Laune: das
Damen-Auditorium war ihm nicht glänzend genug. Der armen Matilde gab er
zuweilen beissende Antworten.
    »Welch ein Vorrat von Erinnerungen für's Leben!« rief sie bei einer seiner
Erzählungen.
    »Da haben Sie gleich Ihre Speisekammer im Sinn in die Sie täglich gehen und
sich regelmäßig ein Stück Brot, ein Stück Fleisch und ein Stück Kuchen holen
würden; und an Sonn- und Festtagen gäb' es ein Glas Wein dazu: nicht wahr,
Fräulein Matilde?« fragte Astrau spöttisch.
    Sie errötete und wurde verlegen; vergaß es aber bald wieder in ihrer
Harmlosigkeit. Benvenutas Gouvernante ging es übler! sie war eine vortreffliche
Person - jedoch sehr hässlich und sehr vielwissend - Beides ein Greuel für
Astrau; umsomehr da sie von ihrer Hässlichkeit keine Ahnung hatte und auf das
Wissen einen großen Wert legte, wie alle Menschen bei denen es größer ist als
der Verstand. Bei Otbert war es grade umgekehrt, und daher der Disputationen
kein Ende zwischen ihnen, obgleich sie ihm gegenüber beständig im Nachteil und
er schonungslos war. Mit wahrer Todesverachtung kämpfte sie für Geist und Gaben,
Herrlichkeit und Würde, Befähigung und Berechtigung ihres Geschlechts, welches
Astrau angriff weil er sie nicht leiden konnte und mir dabei einige Nadelstiche
zu versetzen hofte. Gott weiß wie er erfahren hatte dass Madame Schütz - (so hieß
sie und sie war Wittwe) - Gedichte mache und zwar recht hübsche. Er bat ihm
einige mitzuteilen und obzwar ich ihr dringend davon abriet, widerstand sie
nicht der Lockung. Eines Abends gab er ihr das Heft höchst verbindlich zurück
und sagte mit der größten Freundlichkeit: er habe nur zwei kleine Fehler an
diesen sämtlichen Gedichten entdeckt; der erste, dass sie überhaupt gemacht - der
zweite, dass sie Gedichte genannt worden wären. Die arme Schütz war aus der
Fassung. Ehe sie Zeit hatte etwas Ungeschicktes vorzubringen sagte ich geschwind
und auch höchst freundlich:
    »Und Deine Kritik, lieber Otbert, hat gar nur einen einzigen kleinen Fehler;
nämlich den, dass ein Dichter sie macht.«
    »Dieser Rivalität glaube ich ohne Unbescheidenheit überlegen zu sein!« rief
er spöttisch.
    »Die wahre Überlegenheit ist nachsichtig, lieber Otbert, und reicht die
Hand um weiter zu helfen. Die unächte - sucht in den Staub zu drücken.«
    »Das ist excellent! sagte er lachend. Glaubst Du wirklich dass diese
