 um sie nicht mit Eifer obgleich ohne Andacht zu treiben.
Unser Auditorium störte oder befeuerte uns nicht, denn wir hatten keines. Ich
hatte ein Musikzimmer neben dem Salon eingerichtet in welchem wir uns Abends
Alle versammelten - auch die beiden Kinder und Benvenutas Gouvernante und
Hofmeister. Aber die ersteren gingen früh schlafen, und die letzteren, zwei
leidenschaftliche Schachspieler, blieben immer im Salon vor ihrem Schachbrett
und kümmerten sich so wenig um Palestrina als wir uns um Philidor. Ich hatte
freilich versucht meine Sonntagsgesellschaft durch unsre Musik zu entzücken;
aber das gelang nicht! Der geistliche Teil hörte nicht ohne Erbauung wenn auch
ohne Vergnügen zu; der weltliche kämpfte mühsam mit Schläfrigkeit; er war nicht
daran gewöhnt zu diesem ernsten Gedankenkreis sich zu erheben. Fräulein Matilde
musste spielen und singen, oder Mezzoni eine Szene aus einer Opera buffa oder die
Barcarolen seiner Heimat vortragen, was er mit unbeschreiblich guter Laune und
Gewandtheit tat: das war ihnen angenehmer, erheiternder, gleichsam mehr ein
Sonntagsvergnügen voll Kontrast mit ihrem Alltagsleben. - - -
    Wieder vergingen die Tage ungezählt und unbemerkt; Winter und Sommer; und
wieder ein Winter und noch ein Sommer. Ich war wohl nicht glücklich, aber ich
vergaß dass ich es nicht war - und damit war viel gewonnen nämlich etwas
Beruhigung! denn das suchen, sehnen und jagen nach Glück ließ nach, und daher
war mir das Leben nicht länger ein heißer Kampf oder eine lähmende Last. Ich
forschte nicht, ich fragte nicht. Ich glaube zum ersten Mal seit ich geboren,
gewährte mir die Gegenwart wie sie eben war stillen Genuss. Ich hätte vielleicht
Zuwachs, Vermehrung und Erhöhung desselben gewünscht, doch gewiss nicht um den
Preis irgend einer Veränderung. Die alten Astrologen sagten: diejenigen sind
unfehlbar unglückliche Menschen, deren Stern bei ihrer Geburt unter dem Horizont
gestanden hat; das Glück wird auch stets unter demselben bleiben. So ging es
mir! mein Glücksstern warf nur höchstens eine zarte Dämmerung in meinen Horizont
herein; er selbst schwang sich nicht so hoch empor. Mehr noch! wenn diese
Mondaurora, wie ich sie nennen möchte, sich zeigte - so war fast mit Gewissheit
darauf zu rechnen, dass sie Vorbote eines Ungewitters sein würde.
    Ich hatte der Kirche von Engelau eine neue Orgel geschenkt, so groß und
schön wie die Räumlichkeit es nur immer gestattete. Der Organist verstand
durchaus nicht sie geltend zu machen; - Sedlaczech erbot sich sie einmal zu
spielen damit ich ihre eigentliche Kraft und Fülle hören könne. Wir gingen eines
Nachmittags sämtlich in die Kirche. Es war ein warmer milder Septembertag, ein
letzter Gruß des scheidenden Sommers. Die uralten Ulmen, welche mit einem tiefen
Schattenkreis den Gottesacker, die Heimat der Schatten, umgaben - zeigten schon
manch welkes Blatt zwischen ihrem
