 bewegen, und jede auf
ihre Art die Sprache verstehen und handhaben. Da muss der Gedanke schnell und
beweglich, der Ausdruck fein, schmiegsam und doch präcis sein, und immer
wechseln je nach dem Verständnis Desjenigen mit dem man eben redet. Dazu gehört
ein erstaunlicher Scharfblick und eben so erstaunliches Wolwollen. Die große
Welt bietet zu diesen Übungen einen vortrefflichen Tummelplatz. Aber ihre
Fractionen, diese Masse von kleinen Welten welche sich sämtlich nur darum groß
finden und nennen, weil sie für die wirklich große weder Maßstab noch Ahnung
noch Verlangen haben: die sind recht eigentlich dazu geschaffen den Menschen um
die edle Gabe der Sprache zu bringen. In der eleganten Welt - welch ein frivoles
Gezwitscher! in der gelehrten Welt - welch ein pedantisches Dociren! in der
literarischen - welch ein babylonisch verwirrter Wortschwall! Wer sich nur in
einer derselben bewegt und mit ihrer Redeweise unwillkürlich auch ihre
Gedankenrichtung annimmt, wird in den andern so unverstehend und unverständlich
sein, wie ein Kamtschadale zwischen Hottentotten und Botokuden. Und es kann
unsereinem wohl begegnen in eine derselben hinein zu geraten! .... aber Ihnen,
Meister, Ihnen steht die ganze große Welt geöfnet.«
    »Was hilft das einem schüchternen Menschen? ich bin schüchtern - meine Seele
ist's! Das mag mit meinem Schicksal, mit meinen Fähigkeiten zusammenhängen.
Meine Gedanken und Empfindungen kommen mir so beschränkt, alltäglich und
armselig vor wie Nachtviolen, die unschönen grauen Blumen, die nur dann zu
duften wagen, wenn die Nacht mit ihren ewigen Gestirnen heraufzieht; dann
verschwinden sie unbemerkt unter den goldnen Sternen. Meine Nacht - ist die
Musik. Sie breitet ihren Sternenmantel über mich und in ihrem Schutz öfnet sich
unbefangen meine Seele.«
    »Ihr inneres Leben mögt' ich kennen, Meister, sagte ich gedankenvoll. Es muss
gleich dem Karfunkel sein: mystisch und licht.«
    »Ist nicht jedes innere Leben so?«
    »O nein! so ist es! statt der Mystik - Verwirrung, und statt des Lichtes -
farblose Wässrigkeit!« rief ich.
    »Sie sind sehr hart, Gräfin Sibylle!« sprach er.
    »Nur gegen mich, Fidelis! meine Bemerkung galt hauptsächlich mir! .... aber
freilich nebenbei manchen Anderen. Denken Sie doch nur: der bewusste Geist, der
die Persönlichkeit genau bestimmt und ausprägt - der macht licht. Und die
Inspiration, die Begeisterung, die Gefühlsströmungen von Andacht und Liebe,
welche jene Persönlichkeit durch- und umfliessen und sie im unbewussten
Zusammenhang mit dem Ganzen, mit dem All zeigen - die sind mystisch. Glauben Sie
wirklich dass dieser hochheilige Tag und diese tiefheilige Nacht eine alltägliche
Erscheinung in unsern verschrumpften, verfinsterten, engen, matten Seelen sei?«
    »Ich glaub
