 eines menschlichen Fußes mit seiner feinen
und festen elastischen Gliederung schließen zu wollen? Und wie der Schuster mit
unserm Fuß, so verfährt der Mensch mit dem Menschenantlitz.«
    »Aber dem unbezwinglichen Herzens- Geistes- und Leidenschaftsleben bleiben
dennoch immer Kanäle geöfnet in denen es sich ausströmt und ausstralt. Und ich
meine auch nur dass der Grundzug einer Natur, die Hauptrichtung eines Characters
erkennbar sind - etwa so wie Beetovens Antlitz die sturmbewegten und
durchfurchten Züge eines Titanen an Macht und Tiefsinn nicht verleugnen kann -
und Rafael nicht die liebende Anmut seiner Seele.«
    »Ich bin ganz Ihrer Meinung! sagte Sedlaczech, und da ich finde dass die
Hauptrichtung eines Menschen die einzige ist, welche bei seiner Beurteilung von
Wichtigkeit ist, so freut mich stets die Wahrnehmung, dass sie sich zwischen den
kleinen verwickelten Zickzacklinien der Zufälligkeiten Platz macht.«
    »Wenn Sie mich nicht kennten, Fidelis, sprach ich gedankenvoll, was würden
Sie über meine äußere Erscheinung sagen?«
    »Das ist schwer .... fast unmöglich! .... Vielleicht würde ich sagen: eine
schöne schicksalträumende Walkyre! - Vielleicht .... eine Somnambule, so
ahnungsvoll, aber befangen und gebunden; eine immense Seele - aber leer.«
    Fräulein Matilde hatte dem Gespräch zugehört in ihrer Weise, d.h. jedes
meiner Worte als einen Orakelspruch bewundernd. Als ich jetzt ernst und sinnend
schwieg, nahm sie gekränkt das Wort und rief lebhaft:
    »Herr Sedlaczech! besinnen Sie sich! wie können Sie die Gräfin eine leere
Seele nennen! sie ist ja so voll Güte und Wolwollen! Ich hätte gemeint dass Sie
auf Ihren Reisen mehr Menschenkenntnis erworben haben müssten.«
    »So wird man verkannt - und gar von seinen Freunden!« rief ich scherzhaft
und abbrechend. Aber zu Sedlaczech sagte ich später:
    »Sie hatten ganz Recht, Fidelis! statt zu leben - träume ich mir Schicksale,
und ich suche die Seele durch Handlungen der Güte und des Wolwollens zu füllen -
denn sie ist leer.«
    Er schwieg. Überhaupt schwieg er viel, und ich hätte doch gewünscht er möge
viel sprechen. Ich fragte ihn auch einmal weshalb er so wortkarg sei? er habe
doch Gedanken vollauf.
    »Worte sind nicht die eigentliche Sprache meiner Gedanken; antwortete er.
Ich bin so daran gewöhnt die besten und tiefsten in Musik auszusprechen, dass
ich, wenn ich reden soll immer jene Unbeholfenheit fühle mit der wir uns in
einer fremden Sprache ausdrücken. Überdas habe ich nicht jene Gabe der
Unterhaltung, die man nur im Verkehr mit der großen Welt entwickeln kann.«
    »Ganz Recht, Fidelis: mit der großen Welt, in der alle Menschenbildungen
ihren Platz einnehmen, sich durch einander drängen und
